Blog 01/2018 – Ina Schmidt

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2018

Immer mehr Menschen sehnen sich nach einfachen Erklärungen und Lösungen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Lebensverhältnisse zunehmend komplexer werden. In diesem Jahr werden wir aus diesem Grund 12 Blogbeiträge veröffentlichen, die sich gerade mit dieser überaus aktuellen Thematik beschäftigen.

Uns ist dabei wichtig sehr unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen miteinfliessen lassen. Freuen Sie sich auf philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt , humorvolle Gedankengänge unseres therapeutischen Clowns Michael Trybek , scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

Der Mut zur Freiheit.

«Die Freiheit des Menschen liegt nicht darin, dass er tun kann, was er will, sondern darin, dass er nicht tun muss, was er nicht will.» Jean-Jacques Rousseau (1712-78)

Selbstbestimmt wollen wir leben, lieben und arbeiten, unabhängig und glücklich werden – ohne Freiheit wäre das alles undenkbar. Kein Wunder also, dass die Freiheit für uns einen der wichtigsten Grundwerte ausmacht. Generationen haben so sehr dafür gekämpft, dass sie für viele von uns wie selbstverständlich zur Verfügung steht. Freiheit gut, alles gut? So einfach scheint es nicht zu sein, denn mittlerweile haben wir derart viele Möglichkeiten, unser Leben in die eigene Hand zu nehmen, dass bei aller Begeisterung schon wieder Zweifel laut werden. Wie sollen wir in all den Optionen unser Glück finden, woher wissen wir, dass um die nächste Ecke nicht noch eine größere Idee, Liebe, Karriere wartet? Wie können wir sicher sein – in all der Freiheit?

Neben dem Streben nach Freiheit, gibt es eine weitere menschliche Sehnsucht – die damit nicht so recht zusammen zu passen scheint: den Wunsch nach Verbindlichkeit, nach Stabilität und Planbarkeit. Andere Fragen werden laut: Wieviel Freiheit halte ich aus, welche Bedingungen braucht ein Leben, das ich für «gut» halte? Gibt es verschiedene Freiheiten und wer entscheidet über dieses Wieviel wovon?

Eine erste wichtige Unterscheidung finden wir schon, wenn wir den Begriff selbst näher unter die Lupe nehmen, z.B. die Differenzierung von «negativer» und «positiver» Freiheit. Sie stammt ursprünglich von dem Aufklärer Immanuel Kant. Die negative Freiheit «von etwas» bezeichnet einen Zustand, in dem keine von anderen Menschen ausgehenden Zwänge ein Verhalten erschweren oder verhindern. Wir treffen also auf keine spürbaren äußeren Beschränkungen in dem, was wir tun wollen. Im Gegensatz dazu beschreibt die positive Freiheit «„zu etwas» die Möglichkeiten, mit denen wir unsere Freiheit tatsächlich nutzen können. Steht also das, was ich tun will, wirklich zur Verfügung, habe ich die Kompetenzen, die Mittel, die Fähigkeiten und worum geht es in meiner persönlichen Suche nach Freiheit? Es zeigt sich, dass die Freiheit - neben dem, was sie ermöglicht, uns auch einiges abverlangt. Je mehr Freiheit, desto mehr Möglichkeiten und damit Verunsicherung: Uns begegnet in der Freiheit die Qual der Wahl, das Risiko, einen Fehler zu machen oder eine falsche Entscheidung zu treffen. Jede Form der Freiheit eröffnet ein weites Feld und wir müssen lernen, uns darin zu bewegen, ganz so wie es der Philosoph Jean-Paul Sartre beschrieb, der die Freiheit sogar als «Last» ansah, zu der der Mensch qua Geburt «verurteilt» sei. Also doch kein Geschenk? Ja und Nein. Denn der Umgang mit Freiheit ist ein beständiger Prozess des «Ausbalancierens»: Freiheit will gelernt sein.

Dieses «Balancieren» aber müssen nicht nur moderne und globalisierte Weltbürger lernen, schon die antiken Philosophen haben sich vor über 2000 Jahren gefragt, wie ein «gutes Leben» in Anbetracht der zur Verfügung stehenden Möglichkeiten auszusehen hat. Der «Selektionszwang», wie der Soziologe Niklas Luhmann es formulierte, dem wir ausgesetzt sind, sobald mehr Möglichkeiten zu Verfügung stehen als in unserem Handeln zu verwirklichen sind, ist so alt, wie menschliches Handeln selbst. Mit dieser Tatsache leben zu lernen, ist die erste Aufgabe im Umgang mit der eigenen Freiheit: Jede freie Entscheidung für etwas, das verwirklicht werden soll, lässt eine andere Möglichkeit zurück, oder sogar sehr viele: Soll ich für das neue Jobangebot den Wohnort wechseln? Wie gelingt es mir, den Markt für das neue Produkt richtig einzuschätzen? Wie stelle ich mir ein erfülltes Arbeitsleben vor und was gilt es möglicherweise daran zu verändern?

Was aber ist es, was uns daran hindert, zu wählen, Versuche zu wagen und frei zu sein? Der Philosoph Friedrich W. Schelling beschreibt in seiner Schrift «Vom Wesen der menschlichen Freiheit» viel weniger den Zwang, sondern die Notwendigkeit als den eigentlichen Gegensatz der Freiheit und meint damit die Zweckorientierung des menschlichen Handelns - das sich selbst beschränkt, indem es sich ausschließlich als effizient und zielstrebig verstanden wissen will. Aber gerade dieses Denken beschränkt unsere Freiheit, weil es zu sehr auf Erklärungsmodelle und Lösungsansätze konzentriert, die bereits denkbar sind. Was aber, wenn wir den Blick drehen, die Perspektive ändern? Wenn die eigene Unfreiheit bei den Schranken im Kopf beginnt, den Mustern, denen wir folgen, oft ohne sie zu kennen und den Zwecken und vermeintlichen Notwendigkeiten, die wir damit verfolgen? Dann gilt es, sich selbst zu «befreien»: Warum tue ich das, was ich tue, warum sind die Dinge so wie sie sind und wie könnten sie vielleicht auch sein? Der Ursprung der eigenen Freiheit liegt in dem kantischen Appell der Aufklärung, nämlich in der Möglichkeit, sich unseres eigenen Verstandes ohne fremder Hilfe bedienen zu können – die Anstrengung liegt darin, den Mut dafür aufzubringen. Nur dann werden wir die Möglichkeiten erkennen, die uns das eröffnen, wonach wir uns sehnen: ein selbstbestimmtes Leben in einer Freiheit, die wir selbst gewählt haben.

Geschrieben von: Ina Schmidt

«Anspruchsvolle Situationen souverän meistern»
26. bis 27. Oktober 2018
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