Blog 03/2018 – Carlos A. Gebauer

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2018

Immer mehr Menschen sehnen sich nach einfachen Erklärungen und Lösungen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Lebensverhältnisse zunehmend komplexer werden. In diesem Jahr werden wir aus diesem Grund 12 Blogbeiträge veröffentlichen, die sich gerade mit dieser überaus aktuellen Thematik beschäftigen.

Uns ist dabei wichtig sehr unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen miteinfliessen lassen. Freuen Sie sich auf philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt , humorvolle Gedankengänge unseres therapeutischen Clowns Michael Trybek , scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

«Komplexität als Ursache von Verzweiflung und Innovationen»

 

Gleich nach dem Ende seiner Schulzeit hat jeder Mensch eine folgenschwere Wahl zu treffen. Er muss entscheiden, welchen Beruf er anstrebt. Die Situation ist jedem Erwachsenen vertraut. Und doch ist sie nur scheinbar banal. Sie beschreibt vielmehr ein Grundproblem der menschlichen Existenz. Die Welt steht nie still. Startpunkt, Weg und Ziel ändern sich ständig. Auch der, dem wesentliche Informationen für eine rational abgewogene Entscheidung (noch) völlig fehlen, muss dennoch handeln. Selbst der Schulabgänger, der sich für gar keine Ausbildung entscheidet, stellt mit diesem Unterlassen unentrinnbar Weichen für seine Zukunft.

So viel Wissen und Erfahrung ein Mensch sich auch aneignet: Er kann nie der Herausforderung entgehen, immer wieder auch auf unsicheren Wissensgrundlagen Entscheidungen treffen zu müssen. Es ist stets unmöglich, die Zukunft zu kennen. Ganz besonders unangenehm empfinden wir Entscheidungszwänge in Konstellationen, bei denen uns mehrere Faktoren miteinander verknotet erscheinen (und die wir genau deswegen als «komplex» bezeichnen): Die erfolgversprechende Entwirrung von solchen komplexen Lagen – einmal mit und einmal ohne unser Zutun – ist für uns schlechterdings nicht verlässlich vorhersehbar. Wir erkennen dann mindestens zwei Entscheidungsvarianten: Das typische Dilemma! Muss man daran aber auch gleich verzweifeln?

Gehen wir gedanklich einen Schritt zurück: In der Regel halten wir eine Entscheidung dann für richtig, wenn sie zu genau den Folgen geführt hat, die wir angestrebt hatten. Wir sagen dann, dass wir gut gehandelt haben, weil die Situation von uns «beherrscht» wurde. Was uns unter den Bedingungen der Komplexität vor Entscheidungen zurückschrecken lässt, ist also im Kern die Furcht vor einem Kontrollverlust. In einfacheren Kontexten sehen wir manchmal noch alle Elemente, die uns komplex entgegentreten. Wir haben nur nicht die Zeit, die Kräfteverhältnisse innerhalb dieses Ganzen sorgfältig zu analysieren. Weitaus problematischer sind Situationen, die Philosophen bisweilen als «Emergenz» bezeichnen: Die Summe der ineinander verwickelten Elemente verursacht Eigenschaften des Ganzen, die uns aus seinen Teilen nicht mehr erklärbar sind.

Wie befreit man sich aus diesen Nöten? Wie kann man handeln, ohne in die hyperkomplexen Fallen des Unbekannten zu tappen? Und wie vermeidet man, durch faktisches Zögern alles noch viel schlimmer zu machen?

Der wesentliche Schritt zur Bewältigung von Komplexitätsdramen liegt in einer entlastenden Selbsterkenntnis: Wenn ich mir erst einmal eingestehe, faktisch überall in Bezugssystemen zu handeln, deren Endpunkte mir unsichtbar sind (und es immer bleiben werden), dann erkenne ich jede meiner Handlungen als bloßen Versuch, ihr eine plausible Entscheidung zugrunde gelegt zu haben. Und weil es im Handlungsmoment immer nur möglich ist, von der Vorderseite (ex ante) in Geschehensabläufe hineinzublicken, nicht aber von der Rückseite (ex post), ist fast jede menschliche Aktivität nicht mehr als ein ein emergentes Experiment. Entscheidend für verantwortliches Handeln anderen gegenüber ist, die Auswirkungen des eigenen Tuns stets nach Kräften unter Kontrolle zu halten. Wer das Experimentelle in allem seinem Handeln akzeptiert, der entgeht dabei nicht nur der Verzweiflung. Er eröffnet sich auch die Chance, unentdecktes Terrain zu betreten. Dadurch kann Komplexität immer wieder zur Ursache von Innovationen werden. Dem Schulabgänger Max Planck wurde von einem Physikstudium abgeraten, weil es dort nichts Wesentliches mehr zu entdecken gäbe. Mut schadet offenbar nicht.

Geschrieben von: Carlos A. Gebauer

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
23. bis 27. September 2019
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