Blog 04/2018 – Christoph von Oldershausen

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2018

Immer mehr Menschen sehnen sich nach einfachen Erklärungen und Lösungen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Lebensverhältnisse zunehmend komplexer werden. In diesem Jahr werden wir aus diesem Grund 12 Blogbeiträge veröffentlichen, die sich gerade mit dieser überaus aktuellen Thematik beschäftigen.

Uns ist dabei wichtig sehr unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen miteinfliessen lassen. Freuen Sie sich auf philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt , humorvolle Gedankengänge unseres therapeutischen Clowns Michael Trybek , scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

Umgang mit Komplexität - Bewegungsqualität

 

Über 600 Muskeln, 200 Knochen, 100 Gelenke, dazu mehr als 100.000km (!) Blutgefäße und eine noch viel größere Menge an Nervenzellen – erst das Zusammenspiel dieser Komponenten ermöglicht es uns, morgens aus dem Bett aufzustehen, unseren Mitmenschen ein Lächeln zu schenken, unser Kind in den Arm zu nehmen oder ein Musikinstrument zu spielen.

Der einzelne Muskel, für viele so etwas wie DAS Symbol für (Lebens-)Kraft und Dynamik, ist für sich allein betrachtet ziemlich hilflos. Ohne einen Taktgeber, das Nervensystem, fehlt dem Muskel der Rhythmus, er weiß nicht, wann er an der Reihe ist. Ohne eine Sehne kann der Muskel sich nur zusammenziehen und wieder entspannen, aber es fehlt die Verbindung zum Knochen - er bewegt nichts. Ohne das umgebende Bindegewebe, die Faszien, fehlt dem ganzen System die Struktur. Und ohne Energie ist Bewegung zwar möglich, aber endlich. Die Kontraktion kann nicht mehr gelöst werden, der Körper erstarrt (zu beobachten beim Phänomen der Totenstarre).

So ist jede Bewegung das Ergebnis eines komplexen Prozesses – für einen Kuss arbeiten (je nach Art des Kusses) 38 bis 60 Muskeln zusammen. Evolutionär gesehen war es im wahrsten Sinne des Wortes überlebensnotwendig, sowohl ausdauernd als auch schnell und kräftig zu sein. Davon kann heute keine Rede mehr sein. Inzwischen findet für viele von uns der größte Teil des Tages im Sitzen statt, Tendenz weiter steigend. Der Bewegungsapparat wird zu einem «Sitzapparat» degradiert, meist in einer aus körperlicher Sicht reizarmen Umgebung bestehend aus glatten Untergründen, gepolsterten Stühlen und fehlenden Horizonten.

Langfristig leidet darunter das, was wir Bewegungsqualität nennen. In der Welt des Trainings und der Bewegung beschreibt der Begriff Bewegungsqualität die Güte und Präzision, mit der wir eine motorische Aufgabe durchführen können. Wenn Artisten etwas sehr Schweres sehr leicht aussehen lassen und wir mit offenen Mündern staunend zuschauen, dann ist die Bewegungsqualität in der Regel sehr hoch. Im klaren Gegensatz dazu steht die reine Quantifizierung einer Bewegung anhand von absolvierten Wiederholungen oder Gewichten. Es gibt Menschen, die schaffen 50 Liegestützen, davon aber keine einzige mit einer hohen Bewegungsqualität. Man sieht diesen Bewegungen die Mühe an, die sie dem Körper abverlangen.

Jeder professionelle Sportler, der Wert auf eine lange Karriere legt, kommt nicht umhin, die Qualität seiner Bewegungen und seines Trainings in den Vordergrund zu stellen, um seinen Körper in intensiven Belastungsphasen vor Verletzungen zu schützen. Doch egal, ob Sportler oder nicht – das Bewusstsein für Bewegungsqualität spiegelt sich in unser aller Alltag wider, beispielsweise in der Art wie wir uns halten, wie wir sitzen und wie achtsam wir körperliche Bedürfnisse wahrnehmen.

Apropos: Lesen Sie diesen Text hier im Sitzen? Dann stehen Sie doch kurz auf und bewegen sich ein wenig – ihr Körper wird es Ihnen danken.

Geschrieben von: Christoph von Oldershausen

«Anspruchsvolle Situationen souverän meistern»
26. bis 27. Oktober 2018
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