Blog 05/2018 – Ina Schmidt

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2018

Immer mehr Menschen sehnen sich nach einfachen Erklärungen und Lösungen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Lebensverhältnisse zunehmend komplexer werden. In diesem Jahr werden wir aus diesem Grund 12 Blogbeiträge veröffentlichen, die sich gerade mit dieser überaus aktuellen Thematik beschäftigen.

Uns ist dabei wichtig sehr unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen miteinfliessen lassen. Freuen Sie sich auf philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt , humorvolle Gedankengänge unseres therapeutischen Clowns Michael Trybek , scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

Kontrolle ist gut, Vertrauen ist besser: Komplexität leben lernen.

 

Unsere Wirklichkeit ist komplex, und die Komplexität unserer Lebenswelt nimmt beständig zu - eine Einsicht, die kein großes Erstaunen auslöst, obwohl wir uns beim Lösen komplexer Probleme nicht selten die Haare raufen oder die Stirn runzeln, weil die Dinge sich weigern, unseren Plänen zu folgen. Was also meinen wir, wenn wir «komplex» sagen? Der Begriff stammt aus dem Lateinischen und bedeutet zunächst nur so viel wie umschlingend, umfassend oder zusammenfassend. Der Psychologieprofessor Dietrich Dörner definiert Komplexität als «die Existenz von vielen, voneinander abhängigen Merkmalen in einem Ausschnitt der Realität». Interessant ist aber nicht nur die Existenz, sondern das Verhalten dieser Merkmale, die in einem systematischen Zusammenhang miteinander interagieren – und zwar auf verschiedene mögliche Weisen. Demnach erhöht sich Komplexität in Abhängigkeit der Anzahl der Merkmale sowie ihrer Verbindungen untereinander, die zu dem jeweiligen Realitätsausschnitt gehören 1. Komplexität entsteht aber genau genommen bereits dann, wenn mehr Möglichkeiten in einem interagierenden System zur Verfügung stehen, als verwirklicht werden können, also ständig. Das heißt, dass jede komplexe Situation uns zu einer Entscheidung zwingt, wir einem «Selektionszwang»2 ausgeliefert sind, wie es der Systemtheoretiker Niklas Luhmann auf den Punkt bringt, weil wir eine Möglichkeit verwirklichen und damit andere ausschließen müssen, ohne immer wissen zu können, wohin uns das führt. Es geht also bei der Bewältigung von Komplexität darum, ob wir wissen, wie und warum wir Entscheidungen für unser Handeln treffen. Und so gilt es, ebendiese Rahmenbedingungen und Regelungen des eigenen Handelns zu überprüfen, um herauszufinden, ob sie für die konkret gestellte Frage, diese eine Situation oder das zur Verfügung stehende Zeitfenster die angemessenen und damit richtigen sind – erst dann können wir Komplexität gestalten, ohne uns die Haare raufen zu müssen.

Können wir Komplexität regeln?

Ein Beispiel für komplexe Prozesse, die im Rahmen bestimmter Regeln, und dennoch immer wieder einzigartig ablaufen, ist das «Spiel». Und wenn wir unsere alltäglichen Verhaltensweisen tatsächlich auf den Prüfstand stellen, gibt es auch hier «Spielregeln», die wir befolgen oder auf die wir uns verlassen können wollen, die formuliert sind oder erwartet werden, die starre Strukturen erschaffen oder agile und bewegungsfähige Systeme. Sie sind der Rahmen, in denen komplexe Prozesse verlaufen. Welche Bedeutung diese «Spielregeln» haben, die ein Handeln vorgeben und gleichzeitig Freiräume ermöglichen, zeigt sich in einer Episode aus dem Buch «Alice im Wunderland» von Lewis Carroll. Es geht um eine Croquetpartie, zu der Alice von der - sehr ehrgeizigen und grausamen - Königin eingeladen wird und deren Verlauf überaus komplexe Züge entwickelt – da die Merkmale des Spielsystems und die miteinander stattfindenden Interaktionen völlig aus dem Ruder laufen. Das gesamte Zubehör ist lebendig, der Ball ein Igel, der sich ständig ein- und ausrollt und nie dort liegen bleibt, wo er hingehört. Die Tore wandern über das Spielfeld und die Schläger sind Flamingos, für die die eigene Funktion eines Schlagstocks alles andere als selbstverständlich ist. Dazu kommt, dass alle Spieler gleichzeitig und ohne jede Reihenfolge die Bälle schlagen. Das Spielfeld besteht aus Hügeln und Furchen, so dass selbst auf die eigene Treffsicherheit kein Verlass sein kann. Auf die Frage, wie Alice zu recht käme, antwortet sie resigniert: «Bei dem Spiel geht es nicht mit rechten Dingen zu. (…) und alle streiten so furchtbar, dass man sein eigenes Wort nicht mehr versteht - und Regeln gibt es anscheinend überhaupt keine; oder wenn es welche gibt, hält sich keiner daran - und du kannst Dir gar nicht vorstellen, wie man durcheinander kommt, wenn das ganze Spielgerät lebendig ist; mein nächstes Tor zum Beispiel läuft gerade dort hinten auf dem Spielfeld herum - und ich hätte bestimmt gerade den Igel der Königin eroquiert, wenn er nicht vor dem meinen davon gelaufen wäre.» 3

So manche Führungskraft dürfte solche Momente kennen, und wie die meisten von ihnen versucht auch Alice tapfer, ihren eigenen Vorstellungen eines geordneten Spielverlaufs nachzukommen: Sie bemüht sich, den Flamingo einzufangen, der gerade versucht, in eine Baumkrone zu fliegen, sie nutzt die Gelegenheit eines Streits von zwei sich balgenden Igeln, um gleich zwei Bälle auf einmal zu schlagen, verliert dabei aber die Kontrolle über ihren Flamingo. Schließlich stellt sie fest, dass das aber eigentlich kein ernsthaftes Problem mehr darstellt, weil ihre Tore vom Spielfeld verschwunden sind. Am Ende entscheidet sich Alice, einfach an den Spielfeldrand zurück zu kehren, um mit ihrer Freundin, der Katze, zu plaudern.

Schauen wir uns unser eigenes Verhalten an, überlegen wir, wie unsere Umwelt, unsere Beziehungen oder auch Unternehmen aufgebaut sind: So vieles könnte einwandfrei funktionieren und herrlich einleuchten, wenn wir mit der Exaktheit von Apparaten bestimmten Regeln und Ordnungen gehorchten. Um sich komplexen Situationen und Entscheidungen zu nähern und einen Umgang mit ihnen zu finden, helfen aber keine starren Regelgerüste, sondern die bewusste Wahrnehmung für die Notwendigkeit agiler «Spielregeln», die veränderbar, aber nicht willkürlich sein dürfen: Wie rede ich am besten mit einem Flamingo? Gibt es einen Grund für das Tor, gerade jetzt das Feld zu verlassen? Wie oft muss sich der Igel ausrollen, bevor ich ihn bitten kann, liegen zu bleiben?

Komplexität lässt sich gerade in sozialen Systemen nicht überwinden. Sie ist wesentlicher Bestandteil jeder Form von Lebendigkeit und zeichnet sich immer dadurch aus, dass unser Wissen über ihre Zusammenhänge niemals vollständig und abgeschlossen ist. Wenn es also darum geht, in einer komplexen Situation eine Entscheidung zu treffen, so kann eine Wahl nur auf der Basis unsicheren Wissens getroffen werden.

Auf ganz ähnliche Weise geht auch die Philosophie schon immer mit dieser Form der «Offenheit» komplexer Zusammenhänge um. Der sokratische Wunsch, dem Wesen des menschlichen Miteinanders auf die Spur zu kommen, und die Einsicht, dass dies immer nur eine Form der Annäherung an ein nie zu erreichendes «Ganzes» sein kann, ist das zentrale Merkmal für den Umgang mit Komplexität. In der Philosophie ist «Komplexität» demnach weniger ein zu bearbeitender Zustand, sondern der selbstverständliche Ausgangspunkt, von dem sie ausgeht, um die wesentlichen Fragen zu entwickeln. Das, was uns dabei hilft bzw. überhaupt ermöglicht, nicht an der Vielzahl der Möglichkeiten zu verzweifeln, ist das bereits bei Aristoteles hervorgehobene menschliche «Wohlwollen», das die Welt als ein Zusammenspiel von gelingenden Möglichkeiten ansieht. Gemeint ist kein betriebsblinder Optimismus, sondern das «Zutrauen zu den eigenen Erwartungen» 4, das Niklas Luhmann mit Vertrauen gleichsetzt. Dieses Vertrauen entsteht aus der Balance überprüften Wissens, gemachter Erfahrungen und der Bereitschaft, ins Offene hinein zu denken, um die zu gestaltenden Zusammenhänge zu strukturieren. Darin liegt nach Luhmann die einzige Methode, um Komplexität zu reduzieren, weil wir nur so in unüberschaubaren Situationen Entscheidungen treffen können, von denen wir aus gutem Grund erwarten dürfen, dass sie die bestmöglichen Konsequenzen nach sich ziehen – nicht mehr, aber auch nicht weniger. Und genau das versetzt uns hin und wieder sogar in die Lage, die Kontrolle abzugeben, hin und wieder am Spielfeldrand mit der «Katze zu plaudern», und den Dingen ihren Lauf zu lassen, um möglicherweise auf anderen Wegen zum Ziel zu kommen

Verweise

1 Dietrich Dörner: Die Logik des Misslingens. Strategisches Denken in komplexen Situationen, Reinbek bei Hamburg, 2004 (3.Auflage).

2 vgl. Niklas Luhmann: Vertrauen (1968), 4.Aufl, Stuttgart 2000, S. 5.

3 Lewis Caroll: Alice im Wunderland. S.87.

4 Niklas Luhmann: Vertrauen, S.1

Geschrieben von Dr. Ina Schmidt

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
10. bis 14. September 2018
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