Blog 07/2018 – Carlos A. Gebauer

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2018

Immer mehr Menschen sehnen sich nach einfachen Erklärungen und Lösungen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Lebensverhältnisse zunehmend komplexer werden. In diesem Jahr werden wir aus diesem Grund 12 Blogbeiträge veröffentlichen, die sich gerade mit dieser überaus aktuellen Thematik beschäftigen.

Uns ist dabei wichtig sehr unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen miteinfliessen lassen. Freuen Sie sich auf philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt , humorvolle Gedankengänge unseres therapeutischen Clowns Michael Trybek , scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

«Das Geheimnis der Unterflächenbeschaffenheit»

 

Es ist ein Leichtes, mit wachen Sinnen die Oberflächenbeschaffenheit eines Gegenstandes zu erkunden. Seine Farbe, seine Grösse und seine Form erschliessen sich dem Auge des Betrachters in aller Regel schnell. Und wenn die Gelegenheit dazu besteht, macht sich der Betrachter gerne auch noch rasch ergänzend zu einem Berührer, um zu fühlen, welches unbekannte Objekt er vor sich hat. Der menschliche Drang, nach einem Besehen von Dingen gleich auch zu einem neugierig erkundenden Betasten überzugehen, ist offenkundig sehr verbreitet und also elementar. Anders wären die häufigen Hinweistafeln namentlich in Museen nicht erklärbar, die das Anfassen von Ausstellungsstücken ausdrücklich verbieten.

Weitaus schwieriger gestaltet sich das Unterfangen, statt der blossen Oberfläche eines Gegenstandes auch dessen Inneres zu erforschen. Denn das, was eine Sache unter ihrer Oberfläche prägt und gestaltet, bietet sich dem Auge gerade nicht gleich offen dar. Mehr noch: Will man sich nicht damit begnügen, nur das Gewicht zu ermitteln (und das interessierende Objekt vorsichtig anzuheben), sondern richtet man sein Interesse gezielt auf dessen Innerstes, dann steht man vor der Frage, wie man es öffnet, ohne es dabei zu beschädigen oder gar zu zerstören. Kurz: Das Erkunden der Unterflächenbeschaffenheit von Dingen erfordert ein hohes Mass an Sensibilität und Einfühlungsvermögen. Neben allen menschlichen Sinnen ist hier umso mehr auch folgerichtiges Denken gefragt.

Handelt es sich bei dem betrachteten (und erfühlten bzw. durchdachten) Gegenstand zudem nicht um ein materielles Objekt, sondern um ein geistiges Phänomen, intensivieren sich die Schwierigkeiten für das Verstehen seiner Strukturen um ein Vielfaches. Menschliche Institutionen – Unternehmen etwa oder Behörden – sind allenfalls auf den ersten Blick etwas Materielles. Man betritt zwar eine Werkshalle, ein Vorstandsbüro, einen Gerichtssaal oder ein Geschäftslokal. Doch die rein physische Gegenwart der beteiligten Menschen an diesen Stellen ist nicht das, was die jeweilige Situation wesentlich prägt. Entscheidend für den Kontext, in dem sich die Anwesenden dort jeweils bewegen, sind ihre konkreten Positionen und Ausrichtungen in der gegebenen (und sich unweigerlich weiterentwickelnden) kooperativen Situation.

Ein kurzer Exkurs zu einer physikalischen Analogie bietet sich an: Die sogenannte «Technische Mechanik» untersucht die physikalischen Wirkungen von Kräften auf Körper, insbesondere auf technische Systeme. Mechaniker wissen, dass es von der sogenannten Steifigkeit eines Körpers abhängt, ob – und wie lange – er sich dehnen, biegen und verwinden lässt, bevor er bricht. Massgebend für die in dieser Disziplin untersuchte Steifigkeit eines Bauteiles ist dabei nicht nur der Werkstoff, aus dem es besteht, sondern insbesondere auch dessen Geometrie. Die sogenannte Festigkeit eines Werkstoffes kann nämlich für einen komplizierteren Gesamtgegenstand dadurch erhöht werden, dass dieser geometrisch klug konstruiert wird. Das steigert zwar nicht die Festigkeit seiner Bestandteile, wohl aber seine Steifigkeit insgesamt.

Will man nun nicht ein technisches Bauteil konstruieren, sondern eine Organisationsstruktur zur effizienten Erreichung gemeinsamer Arbeitsziele entwickeln, so wird man vernünftigerweise ein Interesse haben müssen, die Widerstandskräfte der Struktur gegen schädliche Einflüsse zu stärken. Neben einer ebenso robusten wie gleichwohl ansehnlichen, sichtbaren Oberfläche bedarf es daher einer belastbaren Binnenstruktur. Kluge Organisationsentwickler balancieren dabei alle Dehn-, Schubs-, Biege- und Verwindungssteifigkeiten behutsam gegen nachgiebige Verformungstoleranzen aus, um das Ganze minimal bruchgeneigt zu gestalten. Und anders als Physiker verfügen sie mit verantwortungsfreudigen und motivierten Mitarbeitern im besten Falle überall in der Struktur sogar über zusätzlich stabilisierende Faktoren.

Was bedeutet das für jeden Aussenstehenden, der sich einer solchen Struktur nähert? Er hat die Unterflächenbeschaffenheit der Organisation sorgsam und demütig zu erforschen, bevor er beginnt, mit ihr zu interagieren. Im Idealfall erkennt er sogar strukturelle Wirkweisen in deren Innerem, die ihre Architekten bei deren Konstruktion mit eingebaut haben, ohne es zu wissen. Wer demgegenüber seine Zusammenarbeit nur auf die Oberflächenbeschaffenheit eines Funktionszusammenhanges gründen will, dem wird der eigene Erfolg auf Dauer versagt bleiben.

Geschrieben von: Carlos A. Gebauer

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
23. – 27. September 2019
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