Blog 09/2018 – Ina Schmidt

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2018

Immer mehr Menschen sehnen sich nach einfachen Erklärungen und Lösungen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Lebensverhältnisse zunehmend komplexer werden. In diesem Jahr werden wir aus diesem Grund 12 Blogbeiträge veröffentlichen, die sich gerade mit dieser überaus aktuellen Thematik beschäftigen.

Uns ist dabei wichtig sehr unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen miteinfliessen lassen. Freuen Sie sich auf philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt , humorvolle Gedankengänge unseres therapeutischen Clowns Michael Trybek , scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

Orientierung im Wandel.
Warum wir nicht immer Boden unter den Füssen brauchen, um Halt zu finden.

 

Jeder von uns kennt diese Momente, in denen wir das Gefühl haben, die Kontrolle, den Überblick oder gar den Boden unter den Füssen zu verlieren. Das kann der Moment sein, in dem der sicher geglaubte Deal platzt, der Moment, in dem wir die Zusage für den neuen Job bekommen oder der wunderbare Moment, in dem wir uns Hals über Kopf verlieben. Die gewohnte Sicherheit verschwindet – ganz plötzlich zeigt sich die Welt von einer anderen Seite und wir sind uns nicht ganz sicher, wohin das führen, wird, was hier gerade geschieht.

Aber – können wir das jemals wirklich sein? Gerade in unserer Gegenwart schwirren Begriffe wie Agilität, Mobilität, Innovation und Diversity in unseren Köpfen und allein schon bei der Überlegung, was diese Begriffe wirklich bedeuten, geht uns hin und wieder der begriffliche Boden unter den Füssen verloren. Aber – und das ist die vielleicht wirklich interessante Frage, brauchen wir diesen Boden tatsächlich, um Halt und Orientierung zu finden?  Ganz ohne diesen Boden geht es sicher nicht, aber kann es nicht ebenso gelingen, sich auf den Fluss von Wandel und Veränderung einzulassen, um sich darin bewegen zu lernen?

Der Philosoph Platon war sicher, dass es zwei Fähigkeiten gibt, die uns dabei helfen können. Zwei besondere Techniken, die wir von unseren Eltern lernen sollten,  damit wir gut durchs Leben kommen, und vor Unwissenheit gefeit sind. In seinen Gesetzen schreibt der griechische Denker: Unwissende sind jene, «die weder schreiben noch schwimmen können» (Die Gesetze, III, 689). Beide Tätigkeiten sind nach seinem Verständnis Möglichkeiten, sich in einem «Meer» aus Möglichkeiten bewegen zu lernen: Im Schreiben geben wir dem Ausdruck, was wir an Eindrücken gewonnen haben, wir schreiben Gedanken nieder, Ideen, Pläne, Konzepte oder Liebesbriefe  - so dass aus unserem Inneren ein äusserlich sichtbares und vermittelbares Abbild entsteht. Das Schreiben ermöglicht über die mündliche Rede oder das Gespräch hinaus, etwas festzuhalten, was uns als bedeutsam erscheint. Wir können es weitergeben oder mit Menschen in Kontakt treten, die in weiter Ferne sind, wir können aber auch einfach nur Gedanken für uns «festhalten». Die platonische Idee des Schreibens kannte selbstverständlich noch keine Textnachrichten von 160 Zeichen, aber sicher wäre er interessiert gewesen, was sich durch diese Möglichkeit des schriftlichen Austausches an neuen Ordnungen und Strukturen eröffnet hätte.

Die zweite Fähigkeit ist weniger an schriftliche Zeichen gebunden, sondern erfordert eine körperliche Technik. Das Schwimmen ist eine Tätigkeit, die sich wie das Schreiben nicht von selbst ergibt, die wir also von anderen lernen. Im besten Falle sind das andere Menschen, denen wir zutrauen, dass sie uns beibringen, was uns trägt, wenn wir uns kopfüber in ein anderes Element stürzen. Das Schwimmen ist eine Fertigkeit, die uns lehrt, sich so bewegen zu lernen, dass wir getragen werden, dass wir uns fortbewegen können, obwohl wir keinen festen Boden unter den Füssen haben. Wir gehen mit Bewegungen und Veränderungen unserer Umgebung mit und lernen diese sogar für unser Vorankommen zu nutzen.

Was also bedeutet es, schwimmen und schreiben zu lernen – in einem Meer von Möglichkeiten, einer Flut von Informationen und Wellen neuer Erkenntnisse und Einsichten? Es kann uns nur gelingen, sich darin zu bewegen, zu orientieren und Entscheidungen zu treffen, wenn wir uns auf  ein menschliches Streben besinnen, das auch in der platonischen Philosophie eine grosse Rolle spielt: dem Wunsch, unsere Sache in dem, was wir tun, gut zu machen. Darin liegt das Streben nach Kompetenz und eine ethische Überzeugung. Sich also denkend ins Verhältnis zu dem zu setzen, was wir zu wissen glauben und glauben, tun zu müssen, ist sowohl die Voraussetzung als auch das Ziel eines «geistigen» Schwimmunterrichts. Ob wir uns durch die Sprache, im Gespräch oder im Schreiben dieser Fähigkeit nähern und wen wir uns dafür als «Schwimmlehrer» suchen, müssen wir selbst entscheiden, es geht darum, den Sprung zu wagen – nicht zwingend ins «kühle Nass», aber ganz sicher in ein weites Meer von Perspektiven, Überzeugungen und Gestaltungsräumen, die wir gerade in diesen sich wandelnden Zeiten als Herausforderung annehmen sollten.

Geschrieben von Dr. Ina Schmidt

«Anspruchsvolle Situationen souverän meistern»
26. bis 27. Oktober 2018
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