Blog 11/2018 – Carlos A. Gebauer

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2018

Immer mehr Menschen sehnen sich nach einfachen Erklärungen und Lösungen. Ein untrügliches Zeichen dafür, dass unsere Lebensverhältnisse zunehmend komplexer werden. In diesem Jahr werden wir aus diesem Grund 12 Blogbeiträge veröffentlichen, die sich gerade mit dieser überaus aktuellen Thematik beschäftigen.

Uns ist dabei wichtig sehr unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen miteinfliessen lassen. Freuen Sie sich auf philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt , humorvolle Gedankengänge unseres therapeutischen Clowns Michael Trybek , scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

«Mess- und regeltechnische Streitschlichtung
oder: Wie man sich als Dritter klug heraushält»

 

Nicht nur Mess- und Regeltechniker denken ganz wesentlich in den Kategorien von Ist- und Soll-Werten. Auch Ökonomen oder Mediziner skalieren betrachtete Ausschnitte der Realität und überlegen, ob ihnen das erkannte Ergebnis gefällt. Widerspricht der erhobene Wert den Erwartungen, greift der Experte ein. Ist alles «im Lot», wie man sagt, so kann er untätig bleiben.

Was bei alledem passiert, ist das Vergleichen von Fakten mit Normen. Die reale, tatsächliche Welt wird mit dem Wünschenswerten in eine Relation gesetzt. Erfüllt die Wirklichkeit nicht die Erwartun-gen des Betrachters, justiert er die Welt nach. Hinter dem Ganzen steht also im Kern die Zweiheit aus subjektiver Vorstellung und objektiver Aussenwelt. Der Wunsch des Akteurs soll Wirklichkeit werden, um sein Bild der Welt zu gestalten.

Anders als in der Humanmedizin, bei der eine Körpertemperatur von 37° Celsius nach unbestrittener Auffassung dem Individuum dienlich ist, gibt es andere Disziplinen menschlichen Forschens und Handelns, bei denen der «richtige» Wert alles andere als unumstritten ist. Kann den Ökonomen schon eine «schwarze Null» erfreuen? Ist eine Inflationsrate von 2% p.a. für Volkswirtschaften das Mass aller Dinge? Wie warm muss eine Mietwohnung beheizt sein und wieviel Schadstoffe darf ein Motor ausstossen? Es liegt auf der Hand, dass die Möglichkeit des Streites über jeden einzelnen derartiger Werte insbesondere mit seiner Unbestimmtheit ins schier Grenzenlose wachsen kann. Je weniger man weiss, desto besser lässt sich zanken.

Hat man das Streiten unter Menschen einmal als Ausprägung des Konfliktes zwischen subjektiven Soll- und Ist-Vorstellungen erkannt, dann bleibt dies nicht ohne Konsequenzen für das Verhalten im eigenen Disput. Mehr noch: Auch Debatten unter anderen, an denen man gar nicht beteiligt ist, betrachtet man unter dieser Perspektive anders. Meinungskonflikte mit anderen und Konfrontationen unter Dritten lassen sich dann nämlich plötzlich als Widerstreit von Ordnungsvorstellungen verstehen.

Weicht der von meinem Gegenüber als gegeben angenommene Ist-Zustand der Welt von dem Zustand ab, den er sich als Soll-Zustand vorstellt, dann sieht er – selbstverständlich – Handlungsbedarf. Und dieses Handeln ist in seiner konkreten Ausprägung wiederum nur eine Ableitung aus dem von ihm gesehenen Unterschied zwischen Ist und Soll. Genau wie meinem Gegenüber geht es aber auch mir selbst im Disput. Gefällt mir ein im Raum stehender Handlungsplan des anderen nicht, so bin ich gut beraten, vorerst gar nicht über diese Handlungen mit ihm zu sprechen, sondern vordringlich darüber, was die beiden Ist-Diagnosen und die beiden Soll-Zustände der Beteiligten voneinander unterscheidet. Ein solches Differenzieren der einzelnen Streitelemente löst manchen Konflikt wie von Zauberhand ins Nichts auf. Denn nicht selten streiten Menschen mehr über ihre Worte als über die Gegenstände, die sie mit ihnen zu beschreiben glaubten. Anders gesagt: Selbst wenn zwei sich über die gegebene und die wünschenswerte Lage tatsächlich einig sind, so können sie – bei Verwendung unterschiedlicher Bezeichnungen – noch immer in wilde Auseinandersetzungen miteinander geraten.

Doch mit dieser Erkenntnis endet jene mess- und regeltechnische Betrachtung des menschlichen Diskursverhaltens noch nicht. Sie gewinnt weitere Komplexität in solchen Fällen, in denen man als selbst – zunächst – Unbeteiligter vom Debattieren anderer erfährt: Zwei streiten sich und man empfindet das Bedürfnis, befriedend eingreifen zu wollen. Wer hätte noch nicht erlebt, dass die beiden anderen sich plötzlich verbünden und den Schlichtungsversuch brüsk zurückweisen? Des Rätsels Lösung hier ist oft, dass in derlei Konstellationen neben die ursprünglich zwei Bestandsaufnahmen, die zwei Zielvorstellungen und die zwei Handlungsoptionen der Streitparteien nun noch mindestens je eine dritte Variante hinzutritt, die – weil sie ja vermitteln will – mit keinem der ursprünglichen Elemente übereinstimmt. An die Stelle einer Lageberuhigung tritt eine zusätzliche Verkomplizierung. Was also tun, als Dritter? Reden, sagt man, ist Silber – Schweigen Gold. Mindestens so lange, bis man weiss, was die anderen für wahr halten und was für wünschenswert.

Geschrieben von: Carlos A. Gebauer

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
23. bis 27. September 2019
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