Blog 01/2019 – Ulrich Schnabel

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2019
Nachdem wir im vergangenen Jahr zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen. Auch 2019 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir wieder vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen. Freuen Sie sich auf komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt,  scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen. Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre. Ihr Team der Liechtenstein Academy

«Berauschend und fürchterlich»

Warum Popstars die Zukunft manchmal klarer erkennen als Experten und was die Schwäche des Realismus ist.

 

Klar, wir leben in einer Welt voller Umbrüche. Aber wie gut erkennen wir das Neue, wenn wir ihm begegnen? Wie steht es um unsere Fähigkeit, künftige Entwicklungen zu antizipieren? Die ehrliche Antwort lautet: nicht gut, vielmehr miserabel. Und begegnen wir doch einmal einem hellsichtigen Zeitgenossen, der ein Gespür für die Zukunft hat, reagieren wir in der Regel so wie der BBC-Reporter Jeremy Paxman in diesem Interview mit David Bowie über das Internet: ungläubig staunend und skeptisch ablehnend.

Die Skepsis ist kein Wunder, schliesslich wurde dieses Gespräch im Jahr 1999 geführt – also zu einer Zeit, in der weder Facebook existierte noch die «sozialen Medien»; es gab keine Smartphones und Google war in den Anfangsjahren. Und dennoch spricht Bowie hier über das Internet, als ob er alles voraussehen könnte, was auf uns zukommt. Als der BBC-Interviewer ein skeptisches Gesicht macht und den Popstar der Übertreibung bezichtigt, antwortet  Bowie, wir hätten noch nicht einmal die Spitze des Eisbergs gesehen. «Ich denke, die Auswirkungen, die das Internet auf die Gesellschaft haben wird, positiv und negativ, sind unvorstellbar. Ich glaube, wir stehen gerade an der Schwelle zu etwas Berauschendem und Fürchterlichem.» Angesichts solcher Prognosen steht dem Journalisten der Unglaube regelrecht ins Gesicht geschrieben, irritiert gibt er zu Bedenken, das Internet sei doch wohl «nur ein Werkzeug». Doch Bowie widerspricht: «Nein, ist es nicht. Es ist eine fremde Lebensform.» Und ergänzt vergnügt, man habe es hier mit einer Art extraterrestrischen Lebens zu tun, das gerade auf der Erde gelandet ist.

Aus heutiger Sicht muss man sagen: Damit lag Bowie verdammt richtig. Richtiger jedenfalls als viele Experten, die dem Internet damals mit all den üblichen Einwänden begegneten, die man aus der Technikgeschichte kennt: Wozu soll das gut sein? Wer braucht denn so was? Das ist doch nur eine vorübergehende Mode, nichts verändert sich dadurch – lauter Argumente, die Kathrin Passig einmal wunderbar als Standardsituationen der Technologiekritik beschrieb.

Zwar predigte schon vor 2500 Jahren der Philosoph Heraklit, dass nichts beständiger sei als der Wandel. Doch noch immer scheint uns die Akzeptanz dieser Einsicht schwer zu fallen. Statt dessen beharren wir darauf, dass unser Urteil «realistisch» sein möge und fordern, es müsse sich auf bewiesene Tatsachen und empirische Daten stützen. Doch mit der Empirie und dem Bewiesenen ist das so eine Sache: Sie beziehen sich nämlich stets nur auf Vergangenes, niemals auf Zukünftiges, und sie ignorieren gerade die scheinbar nebensächlichen Details und vagen Zwischentöne, die sich überraschenderweise als prägende Kräfte der Zukunft herausstellen können.

Deshalb liegen selbst die grössten Realisten oft so fürchterlich falsch bei der Beurteilung des Neuen, Unbekannten – so wie der IBM-Chef Thomas Watson, der 1943 «einen Weltmarkt für vielleicht fünf Computer» prophezeite. Und deshalb ist die Geschichte der Prognosen immer «eine Geschichte der Überraschungen und Überrumpelungseffekte», wie der Historiker Joachim Radkau in seiner Geschichte der Zukunft konstatiert: Die Nazi-Diktatur sahen Politiker ebenso wenig voraus wie später, nach dem Krieg, das Wirtschaftswunder. Von der Ölkrise wurden Ökonomen ebenso überrascht wie von den 68er-Protesten und der Umweltbewegung. Und dass es 1989 zur deutschen Wiedervereinigung kommen würde – das hielten noch wenige Monate zuvor die Experten für ebenso unwahrscheinlich wie 2016 die Wahl von Donald Trump.

So übersehen oft gerade die «Realisten», dass die Fakten, auf die sie ihr Weltbild gründen, nur eine Auswahl darstellen und dass es daneben eine Unzahl anderer Möglichkeiten gibt, die oft wider jede Erwartung wahr werden. So gesehen hiesse Realismus eigentlich: Stets mit dem Unerwarteten rechnen. Doch dazu muss man die Faktenhuberei und die Sicherheit der Empirie erst einmal hinter sich lassen und Zutrauen in die Unabsehbarkeit der Zukunft entwickeln. Anders gesagt: Um handeln zu können, darf man nicht allzu realistisch sein. Es braucht vielmehr die Lebensenergie der Zuversicht, die der noch unfertigen Zukunft auch ein gewisses Vertrauen entgegen bringt. Und die nicht davor zurückschreckt, so wie David Bowie, das «Berauschende und das Fürchterliche» künftiger Entwicklungen gleichermassen in den Blick zu nehmen.

Geschrieben von: Ulrich Schnabel

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
23. bis 27. September 2019
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