Blog 02/2019 – Ina Schmidt

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2019

Nachdem wir im vergangenen Jahr zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2019 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir wieder vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen. Freuen Sie sich auf komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt,  scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

«Die Digitalisierung des Guten. Warum die Frage nach dem guten Leben wichtig ist.»

 

Die Digitalisierung ist in aller Munde – ganz egal worum es geht. Der digitale Fortschritt wird vom Ausbau der Breitbandtechnik bis zu den Gefahren transhumaner KI-Systeme an allen gesellschaftlichen Fronten diskutiert, die Meinungen widersprechen sich, die Einschätzungen darüber, was die digitale Zukunft für uns bereithält, reichen von optimistischen Lösungsszenarien für alle globalen Probleme bis hin zur Auslöschung der Menschheit durch böswillige Cyborgs. In diesen Entwicklungen liegt aber weniger ein unaufhaltsamer Fortschritt, dem wir ausgeliefert sind, sondern eine gestalterische Aufgabe: Was wollen wir erreichen, was vermeiden? Welche Grenzen gilt es einzuhalten und welche gerade nicht? Und wie werden wir uns darüber einig? Wie also gestalten wir menschliches Leben im Zeitalter der Digitalisierung, von dem wir sagen würden, es ist «gut»? Digitalisierung bedeutet also sehr viel mehr als einen technisch umzusetzenden Fortschritt. Sie ist eher so etwas wie ein gesamtgesellschaftliches Grossereignis, das uns auffordert, völlig neu zu denken und zu kommunizieren.

Der Frage nach dem «guten Leben» – von Platon zur Moderne.

Aber was genau meinen wir damit? Die Frage nach dem, was ein «gutes Leben» ausmacht, geht bis in die griechische Antike zurück. Schon Platon stellte sie im vierten Jahrhundert v.Chr. und glaubte fest daran, dass es das «Streben nach dem Guten 1» sei, was den Menschen zum Handeln antreibt. Dabei ging der griechische Denker davon aus, dass das «Gute» nicht im Reich der sichtbaren Wirklichkeit, der äusseren Welt, zu finden sei, sondern im Reich der «Ideen», wir also in unserer Welt nur verschlüsselte, «codierte» Formen des Guten vorfinden. Unsere Aufgabe ist es also nach Platon, diese Formen wahrzunehmen und im Rahmen der «lebendigen Rede» sichtbar zu machen. Wir müssen uns darüber austauschen, im Gespräch Lösungen und Kompromisse finden, kurz: das Gute selbst in unserem Handeln geltend machen. Platon ging es darum, den Menschen genau dafür zu schulen, dabei war ihm nicht vorrangig die Vermittlung von Wissen, Informationen oder technischen Kompetenzen wichtig, die menschliche Gabe zu schulen, die Welt für sich zu deuten. Das gelingt aber nur, wenn wir zu den Dingen, die wir deuten und verstehen wollen, wahrhaft in Beziehung treten. Und so übte der Philosoph gleichzeitig Kritik an eben den Techniken, mit denen der antike Mensch sich diese Deutungen zu erleichtern versuchte. In seinem Dialog «Sophistes 2» kritisiert er so z.B. die «Freunde der Materie», die glauben, mithilfe der Schrift gelinge es, das gelebte Leben, die eigenen Erlebnisse zu konservieren und im Gedächtnis zu behalten – ein antiker Appell an die Medienkompetenz jedes einzelnen.

Das Gute in digitalen Zeiten

Dass bei der Frage nach der «Deutung» und Erklärung der Welt verschiedene Perspektiven, Technikkritik und Fortschrittsbegeisterung permanent miteinander ringen, ist nicht neu: Wir wissen um den Widerstand gegen Eisenbahn, Kino und Telefon im letzten Jahrhundert bis hin zu heutigen Gegnern des Internets als Ort des Verfalls und Ursprung «digitaler Demenz 3». Früher wie heute ging es also um das «rechte Mass» und die Frage, welchen Zweck welche Techniken verfolgen. Wenn wir also die Frage nach dem «guten Leben» in Zeiten der Digitalisierung stellen, dann ist entscheidend, was wir für zweckmässig, für sinnvoll oder gar für das «Gute» halten: Als Individuum, als Teil einer Organisation, als Experte oder Konzernchefin. Das ist weit mehr als eine hübsche geistige Spielerei, sondern eine wesentliche Aufgabe des modernen Menschen. Eine Aufgabe, die sich für jeden von uns stellt: Welche Fakten tragen wir zusammen, welchem Narrativ folgen wir, welche Perspektive nehmen wir dem gegenüber ein, was wir «Digitalisierung» nennen? In einer «Philosophie der Digitalisierung» geht es weniger darum, die technischen Möglichkeiten bis ins Letzte zu durchdenken, sondern unser Denken in Bezug zu diesen Möglichkeiten zu überprüfen, die geistige Entwicklung und Beweglichkeit in all der technischen Schnelllebigkeit ernsthaft zu schulen und für «Narrative» zu sorgen, in denen die Digitalisierung als eine gesellschaftliche Herausforderung und nicht allein als technischer Fortschritt ernst genommen wird.

Diese Entscheidung aber müssen wir treffen, um wahrhaftig auf die Suche nach dem «Guten» zu gehen, gilt es, die Zeit und den Mut aufbringen, uns im Denken in Beziehung zu uns selbst zu setzen. Dafür gilt es oftmals, einen Schritt zurückzutreten weniger all die Möglichkeiten unseres Handelns, sondern die Gründe dafür zu thematisieren: Was tun wir da eigentlich, und warum? Wem und Was sind wir wirklich ausgeliefert und an welcher Stelle hat es nur den Anschein? Welche neuen Handlungsspielräume lassen sich eröffnen, indem nicht jede Neuerung als Aufforderung zum Handeln verstanden wird?

Das Prinzip der Autonomie: Sapere aude!

Die Digitalisierung wirft uns also ganz besonders auf den Appell der Aufklärung zurück, den eigenen Verstand «ohne fremde Hilfe» zu nutzen, und sich als mündiges, vernunftbegabtes Wesen, als autonom handelnde Person 4 selbst zu entdecken und einzubringen. Der Philosoph Immanuel Kant verstand das Prinzip der Autonomie als dasjenige, was unserer menschlichen Vernunft in Form eines ethischen Anspruchs an unser Handeln Ausdruck verleiht – das Gute also in unserem Tun geltend macht. Nur so lernen wir, mit Unsicherheit, mit «Nichtberechenbarkeit», mit Widersprüchen, Zufällen und Erschütterungen umzugehen – und diese Aufgabe wurzelt nicht im Fortschreiten der Digitalisierung, sondern gilt seit über 2000 Jahren bzw. spätestens seit Beginn der Moderne. Das Nachdenken über Digitalisierung und das, was sie sein soll, braucht eine Rückkehr zu ethischen und existenziellen Fragen des «humanistischen Denkens», denen es Rede und Antwort stehen muss, um das, was wir heute und in Zukunft als ein «gutes Leben» ermöglichen wollen, gegen das zu verteidigen, was sich unter dem Deckmantel der Machbarkeit als das Gute tarnt – oder um es mit dem Internet-Pionier und Erfinder des Begriffs der virtuellen Realität Jaron Lanier zu sagen: «Wir sollten zum Nutzen zukünftiger Generationen über die digitalen Schichten nachdenken, die wir jetzt legen. Wir sollten zuversichtlich sein, dass die Zivilisation dieses voller Herausforderungen steckende Jahrhundert überleben wird. Und wir sollten einige Mühe darauf verwenden, die bestmögliche Welt für die Menschen zu schaffen, die das Erbe unserer Bemühungen antreten werden. 5» Und ganz sicher würde sich sogar Platon diesem Streben nach dem Guten anschliessen.

1 Platon: Politeia, Gesammelte Werke Bd.3, Reinbek bei Hamburg, 1958.

2 Platon: Sophistes, in: Gesammelte Werke, Band 4, Reinbek bei Hamburg 1958.

3 Manfred Spitzer: Digitale Demenz. Wie wir unsere Kinder um den Verstand bringen, München 2012.

4 Immanuel Kant: Was ist Aufklärung? Ausgewählte kleine Schriften, Hamburg 1999, S. 20.

5 Jaron Lanier: Vou are not a gadget. Warum die Zukunft uns noch braucht, S.35.

Geschrieben von: Ina Schmidt

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
23. – 27. September 2019
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