Blog 03/2019 – Carlos A. Gebauer

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2019

Nachdem wir im vergangenen Jahr zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2019 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir wieder vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen. Freuen Sie sich auf komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt,  scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

«Leben im Einklang mit den erweckten Erwartungen anderer.

Eine Methodenempfehlung zur stressfreieren Interaktion»

 

Wenn wir auf einem Marktplatz stehen und auf die nahe Kirchturmuhr schauen, dann zeigen uns deren Ziffernblatt und ihre Zeiger den Stand der Zeit. Bisweilen, zur vollen Stunde, schlägt dazu auch die Kirchturmglocke und unterstreicht akustisch, dass es – beispielsweise – gerade genau elf Uhr ist. Ausgestattet mit dieser Information bewegen wir uns dann weiter durch die Stadt und richten unser künftiges Tun nach den jeweils konkreten Erfordernissen dieser aktuellen Tageszeit ein.

Zur Abstimmung des Verhaltens aller Menschen, die ihre Zeitinformation von dieser Kirchenuhr beziehen, genügt also ein kurzer Blick nur auf das Ziffernblatt oder ein gespitztes Ohr in Richtung Glockenschlag. Kaum jemand macht sich im Moment seines Blickes oder seines Hinhörens weitere Gedanken darüber, welche unsichtbaren Vorkehrungen im Inneren des Kirchturmes getroffen wurden und kontinuierlich aufrecht erhalten werden müssen, um die im Zentrum des Interesses stehende Zeitinformation stets akkurat bekannt geben zu können. Es bedarf allerdings auch keines weiteren Detailwissens, um sich sofort vorstellen zu können, dass im Inneren der Uhr vielerlei Zahnräder ineinander greifen müssen, klug verwoben in ein Netzwerk aus Antrieben und Stellschrauben, verbunden mit einer Energiequelle, um ganz vorne, auf der Aussenseite des Ziffernblatts, ergebnishaft die jeweils korrekte Zeigerkonstellation zu bewirken.

Bei anderer Gelegenheit werden wir sicher wieder einmal auf diesem Marktplatz stehen. Nehmen wir an, dass wir dieses Mal – vielleicht, weil wir Urlaub haben – keinerlei Interesse an der aktuellen Uhrzeit haben und deswegen auch nicht auf die Kirchturmuhr schauen. Stattdessen tritt ein fremder Mensch auf uns zu und fragt. «Wissen Sie, wie man von hier aus zum Hauptbahnhof kommt?». Diesen Menschen interessiert offenbar nicht die Tageszeit, sonst hätte er auf den Uhrzeiger geschaut. Er sucht nach einem Richtungsanzeiger. Und er spekuliert darauf, dass er die gewünschte Information genau durch diese Frage erhält.

Kaum jemand macht sich im Moment einer solchen Alltagssituation weitere Gedanken darüber, welche unsichtbaren Voraussetzungen erfüllt worden waren, um diese Frage genau hier und jetzt auszulösen. Der Befragte muss auf den Fragenden äusserlich den Eindruck gemacht haben, dass er die gewünschte Information werde erteilen können. Unser Äusseres ist also eine Art öffentliches Ziffernblatt auf einer Kirchturmuhr. Durch unsere Kleidung, unsere Frisur, unsere Art, uns zu bewegen und dadurch, wie wir uns insgesamt anderen gegenüber geben, erwecken wir für diese einen bestimmten Anschein. Wer nach dem Weg gefragt wird, sieht für die Augen des Fragenden aus wie jemand, der ortskundig und mutmasslich willens und fähig ist, die gewünschte Information akkurat zu erteilen. Die Antwort «Ich kenne mich auch nicht aus, würde Ihnen aber unter allen Umständen raten, so lange geradeaus zu gehen, bis sie nicht mehr weiterkommen» entspräche einer Turmuhr, die neun Uhr zeigt und elf Uhr schlägt.

Die hinter diesen Beobachtungen liegende, abstraktere Erkenntnis lässt sich vielleicht so zusammenfassen: Kirchturmuhren wie Einheimische können ihre von anderen erhofften Funktionen nur dann erwartungsgerecht erfüllen, wenn sie ihre durch äusseren Anschein ausgestrahlten Kompetenzen auch tatsächlich regelrecht erfüllen. Wer in Wahrheit etwas anderes ist, als er nach aussen zu sein den Anschein setzt, der stiftet in der zwischenmenschlichen Interaktion unausweichlich stets Verwirrung. Jedes Ungleichgewicht zwischen Schein und Sein führt regelhaft zu Verdruss: Wer andere mehr erhoffen lässt, als er zu leisten imstande ist, der verärgert die anderen. Wer sein Licht trüber leuchten lässt, als er in Wahrheit brennt, der fühlt sich von der Welt verkannt.

Voraussetzung für ein Leben im harmonischen Einklang mit den Erwartungen, die andere an mich stellen, ist folglich, dass ich die durch mich erweckten Hoffnungen zu erfüllen weiss. Dies aber setzt voraus, dass ich vorab möglichst genau ermittle, welche Hoffnungen ich wohl durch welche von mir gesetzten Signale auslöse. Wer nicht nach dem Weg gefragt werden möchte, der sollte sich – nach allen verfügbaren Klischees – als Tourist verkleiden.

Geschrieben von: Carlos A. Gebauer