Blog 04/2019 – Christoph von Oldershausen

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2019

Nachdem wir im vergangenen Jahr zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2019 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir wieder vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen. Freuen Sie sich auf komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt,  scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

«Sehen und gesehen werden»

 

Haben Sie schon einmal probiert, auf einem weissen Blatt Papier ohne Lineal eine gerade Linie zu zeichnen? Gar nicht so einfach. Wahrscheinlich geht es Ihnen wie mir und Sie tun sich ein wenig leichter, wenn Sie vorher den Start- und den Endpunkt zeichnen und erst im Anschluss diese beiden Punkte mit einer geraden Linie verbinden. Das liegt im Wesentlich daran, dass Sie nun einen festen Endpunkt haben, an dem Sie sich orientieren können.

Das gleiche Phänomen lernt jeder, der einmal im norddeutschen Wattenmeer unterwegs war. Niemals, so wird einem gleich zu Beginn eingebläut, geht man bei nebligem Wetter ohne festen Orientierungspunkt hinaus ins Wattenmeer. Ohne ein festes Ziel im Blick bewegen wir uns nämlich im Kreis – häufig auch im übertragenen Sinne, hier jedoch ganz wörtlich gemeint!

Nun versetzen Sie sich in die Lage eines Blinden. Allein in Deutschland leben rund 150.000 blinde Menschen, in der Schweiz sind es Schätzungen zufolge rund 10.000. Für all diese Menschen besteht die tägliche Fortbewegung aus einem Gang ins Ungewisse, sofern sie den sicheren Bewegungsraum, also z.B. die eigene Wohnung, verlassen. Da ein Blinder das konstante Feedback der Augen nicht hat, benötigt er eine andere Form der Orientierung. Etwas, das mit einem Blindenstock ertastbar und fortlaufend ist, wie zum Beispiel eine Bordsteinkante oder eine Häuserfront. Feste Punkte wie ein Parkscheinautomat oder ein Strassenschild dienen ebenfalls der Orientierung.

Alle beweglichen Gegenstände, wie ein flüchtig auf dem Gehweg geparktes Auto, blockieren diese Orientierungslinie. Woran ein Sehender einfach vorbeigeht, kann für einen Blinden ernsthafte Probleme bereiten. Aus diesem Grund versuchen viele Blinde, sich unter anderem mit Hilfe spezifisch geschulter Trainer, ein Netz sicherer und bekannter Wege zu erschliessen, z.B. den Weg zur Arbeit, zum nächsten Supermarkt oder vom Bahngleis nach Hause.

Zudem gibt es viele Hilfsmittel, die Blinden den Alltag erleichtern. Wir alle machen davon Gebrauch (wenn auch aus anderen Gründen), wenn wir Freunden immer häufiger eine Sprachnachricht schicken statt Texte zu schreiben. Viele Handys haben inzwischen eine Screenreader-Funktion, die Texte und Inhalte auf dem Bildschirm vorliest und damit ein Wahrnehmungsorgan bedient, das Blinde in der Regel viel besser «beherrschen» als alle anderen. So sind Blinde zumeist dazu in der Lage, viel höheren Vorlesegeschwindigkeiten zu folgen. Auch das Tastvermögen ist meistens überdurchschnittlich gut entwickelt, was sie zu sehr «feinfühligen» Menschen macht.

Auch wenn der Alltag anders aussehen mag: Die meisten blinden Mitmenschen führen ein ganz «normales» Leben, gehen einer Arbeit nach, betätigen sich sportlich, treffen sich mit Freunden oder schmieden Urlaubspläne (z.B. in speziell auf ihre Bedürfnisse ausgerichteten Hotels). Sollten Sie also zukünftig einem blinden Menschen begegnen, der offensichtlich Ihre Hilfe benötigt, dann zögern Sie nicht, diese anzubieten. Vielleicht ist es für Sie der Beginn, die Welt hin und wieder mit anderen Augen zu sehen.

Geschrieben von: Christoph von Oldershausen

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
23. – 27. September 2019
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