Blog 05/2019 – Ulrich Schnabel

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2019

Nachdem wir im vergangenen Jahr zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2019 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir wieder vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen. Freuen Sie sich auf komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt,  scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

«Die Kunst des Wegsehens»

Warum schockierende Bilder und Falschmeldungen besonders häufig verbreitet werden – und wie man damit umgehen sollte

 

«Was einmal gedacht wurde, kann nicht mehr zurückgenommen werden», schrieb einst der Dramatiker Friedrich Dürrenmatt in seinem zeitlosen Klassiker Die Physiker. Heute, in der Welt von Youtube, Facebook und Instagram, wissen alle Terroristen, Demagogen und Influencer um die moderne Version dieses Satzes: «Was einmal gesehen wurde, lässt sich nicht mehr ungeschehen machen». Denn Bilder und Videos brennen sich noch viel nachhaltiger ins Gedächtnis als abstrakte Gedanken. Deshalb sind auch Attentäter - wie etwa jener von Christchurch, der im März in Neuseeland über 50 Menschen erschoss – so versessen darauf, ihre Taten über das Internet zu dokumentieren. Bei solchen Attentaten geht es also nicht allein um die (zufällig ausgewählten) Opfer; die eigentliche Intention ist die möglichst grossflächige Verbreitung von Angst und Verunsicherung unter all jenen, die zuschauen.

Damit aber stellt sich die Frage: Wie begegnet man dieser psychologischen Attacke auf unser Gefühlsleben? Genereller gefragt: Wie bekommt man Bilder oder Informationen wieder aus seinem Kopf, an die man sich am liebsten gar nicht mehr erinnern möchte? Das gilt nicht nur für das Schock-Video eines Terroranschlags (oder die Eindrücke eines Horror-Filmes, die einen verfolgen), sondern auch für die berühmten Fake-News, die sich wie Gift in das kollektive Denken einschleichen und dort ein zersetzendes Eigenleben führen. Hier wie da gilt Dürrenmatts fatale Devise: Was einmal gesehen oder gehört wurde, lässt sich kaum mehr aus dem Gedächtnis entfernen.

Denn Vergessen auf Befehl – das funktioniert nun einmal leider nicht. Zwar arbeiten Forscher schon länger an einer «Pille fürs Vergessen», also an Medikamenten, die gezielt traumatische Erinnerungen löschen sollen – was nicht nur für Terroropfer hilfreich wäre, sondern auch für traumatisierte Soldaten. Doch so interessant diese Versuche sind – zu wirklich einsatzfähigen Medikamenten haben sie bislang nicht geführt; ausserdem müsste man sich sie wohl auch auf allerlei unerwünschte Nebenwirkungen gefasst machen; denn wer garantiert, dass dadurch nicht auch positive Erinnerungen aus dem Gedächtnis schwinden?

Nein, der sicherste Schutz gegen unliebsame Bilder oder Falschnachrichten ist es immer noch, sie gar nicht erst in den eigenen Kopf zu lassen. Ist man aber doch damit «infiziert», sollte man sie zumindest nicht weiter verbreiten. Das aber ist im multimedialen Zeitalter leichter gesagt als getan; denn je schockierender und erschreckender eine Information daherkommt, umso mehr Aufmerksamkeit erregt sie – und umso häufiger wird sie weiterverbreitet. Das belegt eine grossangelegte Studie des MIT Media Lab in Boston, für die Forscher über 4,5 Millionen Tweets untersuchten. Ergebnis: Falschmeldungen werden fast doppelt so häufig geteilt wie andere Inhalte und erreichen andere Twitter-Nutzer sechsmal schneller als zutreffende Nachrichten!

Um falsche Meldungen zu widerlegen, sollte man daher dringend der Verführung widerstehen, deren Inhalt ausführlich zu wiederholen. Das ist jedenfalls der Rat von Forschern, die sich intensiv mit der Wirkung von Fake-News beschäftigt haben. Dazu legten der Psychologe Gordon Pennycook und der Ökonom David G. Rand ihren Testpersonen verschiedene Falschaussagen vor und stellten fest: Mit jeder Wiederholung wurden die Aussagen als glaubwürdiger empfunden. Und das galt selbst dann, wenn die Aussagen ausdrücklich als «falsch» gekennzeichnet wurden. Der Hinweis «Von unabhängigen Fact-Checkern angefochten» – wie ihn etwa Facebook benutzt – erwies sich in der Studie als weitgehend wirkungslos. «Jeder Nutzen eines solchen Hinweises wird umgehend ausgelöscht durch den Effekt der wiederholten Darstellung», schreiben Pennycook und Rand.

Ergo sollte man daher über Falschmeldungen entweder gar nicht oder möglichst sparsam berichten. Das raten selbst professionelle Faktenprüfer wie Kathleen Hall Jamieson, Mitbegründerin der Website FactCheck.org. Als sie in einer Metastudie die einschlägige Forschung der letzten zwei Jahrzehnte resümierten, stellten auch sie fest, dass ausführliche (wenngleich kritische) Berichte über Fake-News unabsichtlich deren Wirkung verstärken können. Was also tun? «Es hilft nicht, den Leuten einfach zu sagen, dass ihre Fakten falsch sind», erklärte Jamieson der New York Times. Besser sei es, mit neuen Belegen und einer entschiedenen Gegenbotschaft aufzuwarten. Auch empfehlen die Forscher, das Publikum einzubeziehen und es anzuregen, selbst kritisch nachzufragen und Behauptungen und Argumente zu prüfen.

Denken Sie also daran, bevor Sie das nächste Mal mit einem Klick eine aufsehenerregende Nachricht oder ein schockierendes Video weiterleiten: Möglicherweise machen Sie sich damit zum Komplizen einer Desinformations-Kampagne, die es genau auf diesen Reflex von Ihnen abgesehen hat. Denn bei aller Aufregung um Datenschutz und Upload-Filter: Die wichtigste Frage des Internet-Zeitalters lautet immer noch: Was lassen wir in unsere Köpfe?

Geschrieben von: Ulrich Schnabel

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
23. – 27. September 2019
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