Blog 06/2019 – Ina Schmidt

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2019

Nachdem wir im vergangenen Jahr zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2019 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir wieder vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen. Freuen Sie sich auf komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt,  scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

«Die Kraft der Gewohnheit.»

 

Die Gewohnheit ist unsere Natur.
Blaise Pascal, Pensées

Immer wieder lesen und hören wir von notwendigen Innovationen, neuen Wegen und Denkweisen, die gefunden und umgesetzt werden müssen. Eine neue Perspektive, eine neuartige Technik, ein neues Denken. Das Neue scheint vielfach zum Wert an sich geworden zu sein und lässt jedes schon Dagewesene etwas blass aussehen, auch in den kleinen Fragen des Alltags: Nein, da wollen wir nicht hin, da waren wir ja schon mal. Den Film hab ich schon gesehen und das Buch auch schon mal gelesen, bloß keine Wiederholungen, denn darin steckt möglicherweise etwas Brauchbares – aber innovativ ist das sicher nicht. Bei all den drängenden Fragen, Krisen und globalen Aufgabenstellungen ist dieser Blick nur allzu nachvollziehbar, aber: wie machen wir das eigentlich? Immer wieder «Neuigkeiten» zu produzieren?

In einem Interview mit einem führenden Google-Mitarbeiter las ich kürzlich, dass er sich darum bemühe, so wenig wie möglich, etwas zweimal zu tun. Er wähle im Urlaub immer ein anderes Land, einen anderen Ort, neue Restaurants und selbst im Alltag immer wieder andere Wege zur Arbeit, neue Räumlichkeiten usw. usw. Es klang sehr dynamisch und offensichtlich erfolgreich, aber mir wurde schon beim Lesen schwindlig – und ich musste kurz innehalten und gegen einen inneren Widerstand andenken: Was war daran auszusetzen? Vielleicht kann ich vielleicht einfach ein solches Tempo nicht halten und bin für so einen Lebensstil nicht innovativ und agil genug? Ein eindeutiges «Ja», denn – ich gebe es gern und offen zu: ich liebe meine Gewohnheiten. Nicht alle, aber die Vorstellung, ständig darum bemüht sein müssen, alles zum ersten Mal zu tun, erscheint mir nicht nur anstrengend, sondern alles andere als erstrebenswert. Mein Lieblingsitaliener gehört in seiner Vertrautheit genauso in mein Leben, wie die Gewohnheit, wenn möglich immer an derselben Tankstelle zu tanken und die Eigenart, nur ungern meinen Zahnarzt zu wechseln. Hier halte ich es mit dem Philosophen Friedrich Nietzsche, denn auch wenn Nietzsche die «Wiederkehr des ewig Selben» als tragische Eigenheit des menschlichen Daseins beschrieb, so war er sich dennoch sicher: «(…) Das Unerträglichste freilich, das eigentlich Fürchterliche, wäre mir ein Leben ganz ohne Gewohnheiten, ein Leben, das fortwährend die Improvisation verlangt – dies wäre meine Verbannung und mein Sibirien.»

Wie aber gestalten wir eine solche Gratwanderung aus Gewohntem und Neuartigem in all dem Wandel und der Veränderung, die uns umgibt? Welche Improvisationskunst verlangt das Leben uns ab und wo brauchen wir Gewohnheiten, um darin Halt und Orientierung zu finden? Der Begriff der Gewohnheit kommt von dem lateinischen Verb «uti», was «gebrauchen» bedeutet. Gemeint ist also eine unter ähnlichen und wiederkehrenden Bedingungen entwickelte Verhaltensweise, die wir durch Wiederholen zu einem «Stereotyp» werden lassen: Wir gebrauchen sie wie eine Art Instrument oder Methode und zwar unter den gegebenen Bedingungen irgendwann ohne darüber nachzudenken, gleich einem eingeübten automatisierten Schema. Also, auch wenn wir Zähneputzen oder Auto fahren, folgen wir Gewohnheiten und es wäre eine große Last, wenn wir diese Tätigkeiten jedes Mal neu lernen müssten, wenn wir morgens aufstehen oder ins Auto steigen – selbst für agile Manager eines Internetunternehmens. 30-50% der Dinge, die wir jeden Tag tun, beruht auf Gewohnheiten, wir könnten also gar nicht überleben, würden wir uns beständig dem Neuen verpflichten.

Demnach brauchen wir das Gewohnte – im besten Fall dafür, um Räume zu schaffen, in denen wir unsere Kraft einsetzen können, um das Bestehende zu hinterfragen: nur so kann das «Gewöhnliche» das Besondere überhaupt erst ermöglichen und zu sinnvollen Innovationen beitragen, in denen das Neue nicht ungeprüft das Bessere sein muss. Und manchmal machen wir die besten Entdeckungen sogar in dem, was wir bereits zu kennen glauben.

Geschrieben von: Ina Schmidt

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
23. – 27. September 2019
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