Blog 07/2019 – Carlos A. Gebauer

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2019

Nachdem wir im vergangenen Jahr zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2019 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir wieder vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen. Freuen Sie sich auf komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt,  scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

«Das Märchen von der nachdenklichen Trauerweide»

 

Es war einmal eine Trauerweide, die stand auf einem Gefälle, nahe bei einem Bachlauf. Wenn der Wind sanft durch ihre Blätter strich, wogten ihre Äste mächtig und ihr Stamm ächzte leise. Aus der Ferne schon sah man, wie sich die Sonnenstrahlen tausendfach auf ihrer Oberfläche brachen und dann, Wellen aus Blitzen gleich, in alle Richtungen über sie hinwegstrichen. Dann aber wieder, in Augenblicken, in denen die Luft ihren Atem anzuhalten schien und das Wasser im Bach wie ein Spiegel zwischen den Ufern lag, erwuchs ihr plötzlich, unter ihrem Kleid, für Momente ein kopfstehendes, blinzelndes Ebenbild.

Eines Tages kam ein junger Mann am Ufer des Bachs entlang und beschloss, im Schatten der Weide zu rasten. Nachdem er mit den Händen einige Schlucke aus dem fliessenden Wasser getrunken hatte, setzte er sich nieder, lehnte sich an ihren Stamm und schloss seine Augen: «Welch‘ ein idealer Platz, ausgerechnet unter einer Trauerweide auszuruhen, um die eigene Traurigkeit zu ertragen», dachte er. Dann vertiefte er sich in seine gerade äusserst unglückliche Seele. Als der Weide sicher schien, dass die beiden weit und breit alleine waren, fasste sie Mut, den Wanderer leise anzusprechen: «Ich sehe», rauschte sie, «dass Du nicht glücklich bist. Und also glaube ich, dass Du geeignet bist, meine Geschichte zu hören. Denn ich heisse nicht nur Trauerweide. Ich trauere auch tatsächlich, weil und wie ich hier stehen muss.»

Der Traurige erschrak erst etwas, beschloss dann aber sofort, dem Baum schweigend zuzuhören. «Wenn der Sommerwind mich zart durchfährt, dann reiben meine Stämme aneinander und Rinde fällt herab. Wo Du, Mensch, bluten würdest, verliere ich dann Harz. Und im Knarren meines Holzes kannst Du den Schmerz hören, den ich mit jedem Luftzug leiden muss. Doch wenn die Herbststürme toben, droht mir gleich der Tod, wenn ich herab in das Wasser rutschte. Mit aller Kraft müssen meine saftloser werdenden Wurzeln mich dann im Erdreich halten. Was gäbe ich darum, hier weggehen zu können! Was gäbe ich auch dafür, mit den Vögeln sprechen zu können, die bisweilen in meinen Zweigen landen. Ich würde sie bitten wollen, um mich herum zu fliegen, um schmerzhaft verhakte Äste aus dem Erdreich zu ziehen. Ich würde sie bitten, totes Laub beiseite zu räumen, um die Pfützen abfliessen zu lassen, unter denen meine Wurzeln fast ersticken. Und ich hätte so gerne, wie das Vieh auf der Weide gegenüber, ein Maul, um ohne die Hilfe des Windes nach Freunden rufen zu können, auf dass sie mich besuchten. Verstehst Du, Mensch, warum ich nicht nur Trauerweide heisse, sondern eine traurige Weide auch tatsächlich bin?»

Der junge Mann öffnete die Augen. Ihm war, als sei er kurz eingeschlafen gewesen. Er sah niemanden, von dem die Stimme hätte kommen können, die er eben noch gehört zu haben glaubte. Denn dass sie in der Tat von der Weide herrühren konnte, das wollte er trotz allem Empfinden nun doch für unmöglich halten. Er stand auf. Und wie durch eine ungekannte Macht gezogen, griff seine Hand nach einem herabhängenden Ast des Baumes. Seine Finger strichen über die Blätter. In seinem Rücken stürzte ein Stück Baumrinde zu Boden. Während er langsam immer wacher wurde, spürte er seinen Fuss in eine kleine Pfütze sinken, die sich flugs hinab in den Bach ergoss. Ihm wurde plötzlich warm, noch bevor er aus dem Schatten wieder in die Sonne hinaustrat.

«Habe ich wahrhaft Anlass, traurig zu sein?» fragte er sich. «Ich habe Beine, auf denen ich jedem Sturm ausweichen kann. Meine Hände sind wie Vögel, die um mich herum fliegen und mir meine Wünsche erfüllen. Mit meiner Stimme kann ich Freunde herbeirufen. Weil ich also handeln kann, muss ich mich nicht nur von den Stürmen des Schicksals schütteln lassen. Wie gut, dass ich keine Trauerweide bin!».

Geschrieben von: Carlos A. Gebauer