Blog 09/2019 – Ulrich Schnabel

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2019

Nachdem wir im vergangenen Jahr zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2019 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir wieder vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen. Freuen Sie sich auf komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt,  scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

«Der zuversichtliche Frosch»

Trotz trüber Weltlage: Welche Haltung hilft, angesichts schlechter Nachrichten die Zuversicht nicht zu verlieren

 

Wer Gründe zur Verzweiflung sucht, muss nur einen Blick auf die Weltlage werfen: Überall sind populistische Parteien auf dem Vormarsch, es drohen globale Handelskonflikte, der ökologische Zustand der Erde wird immer bedrohlicher und das Pressefoto des Jahres zeigt ein weinendes Mädchen an der US-Grenze.

Wie soll man diese Flut schlechter Nachrichten aushalten? Wie trotz man Zynismus und Depression? Denn irgendeine Art von positiver Zukunftserwartung brauchen wir. Ohne ein Mindestmaß an Zuversicht würde schließlich kein Mensch mehr politische Programme entwerfen, Kinder in die Welt setzen, zu Reisen aufbrechen oder morgens überhaupt noch aufstehen.

Doch woraus speist sich diese Art von Hoffnung? Gerne wird heute das positive Denken empfohlen, das postuliert, mit der richtigen inneren Einstellung stelle sich unweigerlich der Erfolg ein. Doch was, wenn trotz aller positiven Gedanken kein Erfolg absehbar ist? Wenn die Politik leider nicht vernünftig wird, die Wirtschaft nicht wieder anspringt, die Umweltprobleme nicht verschwinden und eventuell auch im persönlichen Leben Krisen drohen? Dann führt die Hoffnung auf einen guten Ausgang leicht zu noch größerer Frustration. Psychologische Studien zeigen jedenfalls, dass positives Denken längst nicht immer so hilfreich ist wie behauptet.

Was es in solchen Lagen braucht, ist kein rosaroter Optimismus, sondern eine illusionslose Haltung, die sich trotz aller Probleme nicht entmutigen lässt. Diese Haltung lässt sich am besten mit der Parabel von den drei Fröschen beschreiben, die in einen Topf Sahne fallen. Der erste Frosch stöhnt pessimistisch: «O je, wir sind verloren, jetzt gibt es keine Rettung mehr», sagt’s und ertrinkt. Der Optimist hingegen glaubt: «Keine Sorge, nichts ist verloren. Irgendjemand wird uns schon hier herausholen.» Er wartet und wartet und ertrinkt schließlich ebenso sang- und klanglos. Der dritte Frosch aber denkt: «Schwierige Lage, da bleibt mir nichts anderes übrig, als zu strampeln.» Er reckt den Kopf über die Oberfläche und strampelt und strampelt – bis die Sahne zu Butter wird und er aus dem Topf springen kann.

Die Kunst besteht also darin, den Ernst der Lage klar zu sehen und sich keinen Illusionen hinzugeben – und trotzdem die Spielräume nicht aus den Augen zu verlieren, die sich auftun (und seien sie noch so klein). Diese Haltung lässt sich am besten mit dem altertümlichen Wort «Zuversicht» beschreiben, das ursprünglich das «Voraussehen auf die Zukunft» bedeutete, egal ob sich diese nun gut oder schlecht präsentierte. Erst im Laufe der Zeit wurde der Begriff aufgeladen mit der Erwartung dessen, was man sich wünscht. Doch bis heute schwingt in der Zuversicht eine nüchterne Desillusioniertheit und eine gewisse Schwermut mit, die sie vom naiven Optimismus unterscheidet.

Ein Paradebeispiel für eine solche Haltung lebt uns derzeit Greta Thunberg vor, die mit ihrem Schulstreik für das Klima eine weltweite Bewegung initiierte. Egal, was man von ihr politisch halten mag, ihr Engagement ist zumindest beeindruckend. Dabei ist sie keine Optimistin. Über den Zustand des Planeten macht sie sich keine falschen Hoffnungen; und ihr Engagement hängt auch nicht davon ab, ob es zum Erfolg führt oder nicht. Als sie im August 2018 zum ersten Mal vor dem schwedischen Reichstag für das Klima streikte, habe sie nichts Besonderes erwartet, erzählte sie kürzlich in einem TV-Interview. «Ich wollte nur alles tun, was in meiner Kraft liegt, um Aufmerksamkeit auf die Klimakrise zu lenken.»

Ihr Handeln ist also nicht in erster Linie von der Hoffnung auf einen guten Ausgang getragen, sondern schlicht von der Überzeugung, dass es richtig ist, sich so zu engagieren. Deshalb habe sie auch keine Angst, dass ihre Mission scheitern könne: «Ich habe keine Mission. Mein Ziel ist einfach nur, alles zu tun, um die Erde zu einem besseren Ort zu machen.»

Damit bringt diese Schülerin eine innere Stärke zum Ausdruck, die das eigene Scheitern zwar einkalkuliert – aber dennoch alles tut, um das Gegenteil zu erreichen. Diese unerschütterliche Haltung hat der tschechische Dramatiker und Menschenrechtler Vaclav Havel einmal so auf den Punkt gebracht: «Hoffnung ist nicht die Überzeugung, dass etwas gut ausgeht, sondern die Gewissheit, dass etwas Sinn hat, egal wie es ausgeht.»

Gerade in schwierigen Lagen, in denen ein Erfolg nahezu aussichtslos scheint, ist dieses Vertrauen auf die Sinnhaftigkeit des eigenen Tuns oft die einzige Möglichkeit, nicht in Verzweiflung zu versinken. Zugleich ist diese illusionslose Haltung auch die beste Art, mit Rückschlägen umzugehen: Denn wer nur den Erfolg im Blick hat, läuft schnell Gefahr, frustriert aufzugeben, wenn die Dinge nicht so laufen wie erhofft. Wer dagegen einer inneren Überzeugung folgt, bleibt auch angesichts von Widerständen stabil.

Welcher inneren Überzeugung folgen Sie?

Zum Weiterlesen / Buchtipp: Zuversicht. Die Kraft der inneren Freiheit und warum sie heute wichtiger ist denn je (Blessing Verlag)

Geschrieben von: Ulrich Schnabel