Blog 10/2019 – Ina Schmidt

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2019

Nachdem wir im vergangenen Jahr zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2019 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir wieder vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen. Freuen Sie sich auf komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt,  scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

«Woher weiss ich, was ich weiss.»

Von sokratischer Weisheit in der Wissensgesellschaft.

 

Bereits in den 1930er Jahren beklagte sich der amerikanisch-britische Dichter T.S. Eliot: «Wo ist die Weisheit, die wir im Wissen verloren haben? Wo ist das Wissen, das wir in der Information verloren haben?» (Original Englisch: «Where is the wisdom we have lost in knowledge? Where is the knowledge we have lost in information?» in: Choruses from «The Rock», 1934) und wahrscheinlich würde Eliot noch deutlich mehr Fragen stellen, wenn er sich heute in der gegenwärtigen Wissens- und Informationsgesellschaft umschauen könnte.

Mehr Wissen – mehr Fortschritt?

Was aber ist es, was wir an Weisheit verlieren, wenn wir nach Wissen streben und welchen Verlust müssen wir fürchten, wenn wir uns um die Beschaffung von Informationen bemühen? Eigentlich geht es doch eindeutig um einen Gewinn, eine Bereicherung. Nun, ganz so linear scheint dieser Verfall glücklicherweise auch nicht zu sein, und Eliot ist nicht der erste, der sich diese Frage stellt. Die Überlegung, wohin uns unser Wissen führt, geht zurück bis in die griechische Antike, in der schon Platon die lebendige Rede heraushebt und den Freunden der Materie vorhält, das schriftliche Festhalten ihrer Gedanken als festgestelltes Wissen würde ihren Geist langsam und träge machen. Die Kraft lebendiger Erinnerungen würde geschwächt durch das Archivieren von vermeintlicher Erkenntnis in einer Art Gedächtnisspeicher – ein erstes hellsichtiges Voraussehen von Menschen, die ohne ihr Smartphone nicht mehr in der Lage sind, sich zu orientieren und erinnertes Wissen zu reproduzieren bzw. weiterzudenken? Oder eher ein ängstliches Verharren im Gewohnten, das uns die Möglichkeiten technischen Fortschritts schon in den ersten Ansätzen verbaut hätte?

In jedem Fall ein erster Hinweis darauf, dass wir es bei der Ansammlung von Wissen, die wir in den letzten 2000 Jahren durch immer differenziertere kulturelle Techniken zu einem immensen Schatz haben anwachsen lassen, nicht ausschliesslich mit einer Bereicherung zu tun haben, sofern wir nicht durch kritische Fragen lernen, es immer wieder auf den Prüfstand zu stellen. Sicher, der Fortschritt, den wir um uns herum erleben, scheint nicht von der Hand zu weisen, der Lebensstandard, die Bildung und das Gesundheitswesen, das wir mittlerweile zumindest in den westlichen Industrieländern für selbstverständlich halten dürfen, ist die Folge und das Ergebnis von Wissenschaft, Technik und Forschung – allerdings würden wir ohne diesen Fortschritt auch viele der drängenden globalen Probleme nicht verursacht haben: und nun kommen wir zurück zu T.S. Eliot, was hat es in all dem Fortschritt mit der Weisheit auf sich?

Weisheit entsteht an den Grenzen des Wissens

Bekanntlich gilt der antike Sokrates bis heute als einer der weisesten Denker, den die Philosophiegeschichte vorzuweisen hat, ein Denker, der sich zumindest in der Überlieferung dadurch auszeichnete, dass er um das eigene Nichtwissen wusste – die Weisheit also immer als den strebenden Versuch nach Erkenntnis verstand, in dem Wissen, dass ihm dies nie endgültig würde gelingen können. Legen wir dieses Nichtwissen dem zugrunde, was wir glauben, wissen zu können, entsteht eine andere Perspektive auf das, was Fortschritt ausmacht bzw. in welche Richtung er weisen kann. Allerdings zeigen sich auch in den platonischen Dialogen, in denen Platon die Weisheiten seines Lehrers Sokrates zu Papier brachte, erste Schwierigkeiten. Sagt er in seinem Dialog Menon noch, dass Wissen immer eine begründete Meinung sein müsse, dann entsteht in seiner späteren Schrift Theaitetos das Problem, dass diese Begründung selbst ja auch wieder begründet werden, jedes Wissen also wieder durch bereits bekannte Wissen untermauert werden müsse und wir letztlich in einem Zirkel feststecken. Die Frage allerdings ist, ob darin zwingend eine Problematik liegen muss – denn, sofern wir diese Tatsache eines in sich immer wieder im Prozess befindlichen Erkennens von dem, was wir für Wissen halten wollen und dem, was sich darin beständig verändert, anerkennen, dann scheitern wir auch nicht an einem Wissensideal, das uns eine «Letztbegründung» als eigentliches Ziel vorschreibt. Daraus kann allerdings die einzige Schlussfolgerung im Sinne sokratischer Weisheit sein, dass wir unser Streben diesem Nichtwissen unterordnen und weniger gewaltsam versuchen sollten, jeder Frage eine Antwort abzuringen – in Form eines technischen Geräts, einer berechnenden Prognose oder dem beständigen Glauben an Wachstum. Es geht also nicht allein um unsere Erkenntnisfähigkeit, sondern um die Überprüfung dessen, welche Informationen an bestehendes Wissen anschlussfähig und im Sinne einer möglichen Fragestellung sinnvoll sind – in den Grenzen des Möglichen, nicht darüber hinaus.

Am Ende könnten wir T.S. Eliot mit dieser Zielsetzung dann vielleicht sogar widersprechen, wenn wir davon ausgehen, dass es uns mit Hilfe offener Fragwürdigkeit und durchdachter Argumentation gelingen kann, das zu überprüfen, was wir für Wissen halten, um es immer wieder zu dem werden zu lassen, was den eigenen Begründungen stand hält – und dadurch zu der weisen Einsicht gelangen, dass das Wissen um die Veränderlichkeit von Wissen weit mehr bedeuten kann, als die Einsicht in die Grenzen dessen, was wir wissen können.

Geschrieben von: Ina Schmidt