Blog 11/2019 – Carlos A. Gebauer

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2019

Nachdem wir im vergangenen Jahr zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2019 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir wieder vier namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen. Freuen Sie sich auf komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt,  scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

«Digitaler Rückschritt»

 

Digitalisierung ist in aller Munde. Digitalisierung ist die Zukunft. Digitalisierung ist der Fortschritt. Digitalisierung führt uns heraus aus den dunklen Zeiten, als wir Briefe schrieben, Telefonate führten, Faxe sandten oder uns gar unter Mitnahme unseres ganzen Körpers von einem Ort an einen anderen begaben, um dort jemanden zu treffen. Digitalisierung trennt Weizen von Spreu. Digitalisierung ist also das Mittel der Wahl für jeden, der die Zeichen der Zeit erkannt hat. Digitalisierung führt uns in Video-Konferenzen, lässt uns gemeinsam rund um den Globus und unabhängig von Zeitzonen im Team an einem einheitlichen Dokument arbeiten, verkürzt und beschleunigt alle Prozesse, spart also Zeit und Geld und Ressourcen. Digitalisierung ist – perfekt!

Wer also wollte heute noch ernsthaft einen Brief schreiben, ihn in einen Briefumschlag stecken, diesen mit einer Briefmarke versehen und das Ganze zu einem Postkasten tragen? Wer so arbeitet, kann nur ein Opfer enthemmter Rückschrittlichkeit sein. Ebenso gut könnte man einen anderen Menschen auch anrufen, wie es unsere Grosseltern taten. Warum nicht einfach eine Sprachnachricht senden? Das geht doch viel schneller. Und ein Fax? Werden diese veralteten Geräte nicht gerade ohnehin überall abgeschafft?

Die aktuell spannendste Dimension der Digitalisierung liegt nach meinen Beobachtungen gleichermassen in ihrer Komplexität wie auch in ihrer Veränderungsgeschwindigkeit. Immer neue Geräte, immer neue Systeme, immer neue Prozesse, immer neue Versionen und – vor allem – immer neue Sicherheitsstandards überholen einander wie nervöse Rennpferde in der Zielgeraden. Die Jockeys treiben ihre Tiere bei jedem Rennen in einem so wilden Pulk um die letzte Kurve, dass das menschliche Auge die Grenzen zwischen den galoppierenden Beteiligten gar nicht mehr ausmachen kann. Ein rasendes Knäuel aus Mensch und Tier und Hufen und Helmen, aus Sätteln, Startnummern, Gerten und Schweiss tobt zwischen auffliegenden Rasenstücken der Ziellinie entgegen. Immer dann, wenn ein Reiter in diesem Gewühl ungewollt ein fremdes Pferd schlägt, gehen im digitalen Netz Daten verloren. Oder sie landen dort, wo sie nicht hingehören. Oder sie lassen sich vorsorglich erst gar nicht übertragen, weil ein Sicherheitsmechanismus das Ganze blockiert.

Irgendwann verklemmt und verkeilt sich das Gesamtkunstwerk des weltweiten Digitalnetzes dermassen zwischen seinen widersprüchlichen Zielsetzungen aus einerseits Schnelligkeit, Ubiquität und Transparenz und andererseits Datenschutz, Vertraulichkeit und Privatheit, dass seine Arbeits- und Erledigungsgeschwindigkeiten wieder hinter die Zeithorizonte zurückfallen, die schon prädigital erreicht waren. Wer mag erst seinen Rechner hochfahren, sich mit diversen Passwörtern in mehrere Systeme einloggen, sich authentifizieren und zertifizieren, Codes zur Sicherheit doppelt eingeben und bestätigen, täglich neue Versionen von Menümasken verstehen, seine eigenen Systeme auf dem je neuesten Kommunikationsstand halten, Fehlermeldungen geduldig wegatmen und – nach einer Viertelstunde – entnervt zum Printnewsletter mit den neuesten «Tipps und Tricks für den reibungslosen Systembetrieb» greifen, wenn er in dieser Zeit bequem schon zehn Bestätigungsfaxe mit einem handschriftlichen Zusatzvermerk hätte versenden können?

Merke: Fortschritt zeichnet sich dadurch aus, dass der Schritt nach vorne geht. Der sagenhafte Erfolg von Fernsehgeräten mit Fernbedienung hatte seine Ursache darin, dass der Zuschauer nicht mehr von seinem Sofa aufstehen musste, um nach einem langen Fussmarsch zum Gerät einen anderen Sender einzustellen. Wo der Weg zum Meeting in der nächsten Etage nur dadurch gespart werden kann, dass man zuerst in den Keller fährt, um die aktuellen Sicherheitstools von dem Vertrauensmann des IT-supports zu beschaffen, die man dann unter dem Dach rasch einspielt, da hat die Digitalisierung ihre natürlichen Grenzen erreicht. Dann sprechen wir nicht mehr von digitalem Fortschritt, sondern von digitalem Rückschritt.

Geschrieben von: Carlos A. Gebauer

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
05. – 09. Oktober 2020
Details ansehen