Blog 02/20 – Ina Schmidt

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2020

Nachdem wir in den vergangenen Jahren zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2020 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir insgesamt sechs namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen.

Freuen Sie sich auf Neues und Überraschendes von Michael Bursik, komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt, scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer , spannende Themen rund um die moderne Arbeitswelt von Sibylle Mäder sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

Alles eine Frage der Bildung? Warum Bildung unsere Welt verändern kann.

 

Bildung ist ein Grundbaustein für ein gelingendes Leben. Bei all den Debatten um notwendige Inhalte und das institutionalisierte Wie zukünftiger und möglichst lebenslanger Bildung, steht diese Überzeugung nicht in Frage. Was aber macht gute Bildung aus? Und warum ist Bildung so wichtig? Wie genau lässt sie unser Leben gelingen oder uns gar zu besseren Menschen werden? Diese Fragen sind dann nicht mehr so eindeutig zu beantworten, insbesondere dann, wenn wir uns klarmachen, dass der Bildungsbegriff, wie wir ihn heute benutzen, gerade mal 200 Jahre alt ist und viel mit der Romantik, ihrer Sprache und Weltanschauung zu tun hat, die in anderen Sprachen gar nicht zum Ausdruck kommen. Im Deutschen verbinden wir mit Bildung eine Mischung aus einer „Abbildung“, also der der Wiedergabe eines „Bildes“ und dem, was sich in uns zu bilden beginnt. Wir sind aufgerufen, uns zu formen und zu gestalten, durch das, was wir lernen, erleben und wissen können. Im englischen „Education“ oder der Idee des „Upbringing“ schwingt dieser geistige Anspruch kaum mit. Hier lassen sich Gedanken, die uns „führen“ (lat. ducere) heraushören, oder die Prägung durch das, was uns hat wachsen lassen – innerlich wie äußerlich.

Was hat also das, was mich prägt und geprägt hat, das, was ich wissen und erfahren will und den Möglichkeiten, die mir dazu offenstehen, mit dem zu tun, was mich als „gebildeten“ Menschen ausmacht? Die emsige Anhäufung von Wissen, der sich ein gelehrter Mensch zu rühmen versteht, hat nur wenig mit dem zu tun, was wir als Herzensbildung beschreiben, wenn wir es mit einem Menschen zu tun haben, der vom Leben gelernt und zu einer Form von Lebensweisheit gefunden hat. Und darin findet sich darüber hinaus noch kein Hinweis auf die Praxis, die wir brauchen, um uns als gebildeter Mensch zu unserer Welt zu verhalten. Was also meinen wir, wenn wir davon sprechen, dass Bildung notwendigerweise zu einem gelingenden Leben führt? Versuchen wir es auf den Punkt zu bringen: „Ein untrügliches Kennzeichen von Bildung“ so ist der Gegenwartsphilosoph Peter Bieri überzeugt liege darin, „dass einer Wissen nicht als bloße Ansammlung von Information, als vergnüglichen Zeitvertreib oder gesellschaftliches Dekor ansieht, sondern als etwas, das innere Veränderung bedeuten kann, die handlungswirksam wird.“

“The whole purpose of education is
to turn mirrors into windows.”
Sydney J. Harris

Innere Veränderung, die handlungswirksam wird – Bildung ist hier also nicht weniger als ein beständiger Transformationsprozess, der durch das, was uns im Leben widerfährt, was wir lesen und denken am Leben gehalten und genährt wird. Eine Mischung aus Abbild, Education und Upbringing im besten Sinne. Auch Wilhelm von Humboldt, einer der Gründungsväter unserer Idee einer „humanistischen Bildung“ war sich sicher, dass im Mittelpunkt der Bildungsidee der Mensch stehen muss, der die Kräfte seiner Natur stärken und erhöhen und seinem Wesen Wert und Dauer verschaffen will – nicht im Sinne einer Beherrschung und Unterwerfung einer ständig zu optimierenden Welt, sondern im Einklang mit ihr, um in Beziehung zu Welt und Umwelt sein eigenes Potenzial wirklich entfalten zu können.

Wenn wir uns bilden, dann streben wir also nicht allein danach, etwas zu können, sondern durch dieses Können auch etwas zu sein, ein „Jemand“ mit einer eigenen Stimme, die etwas zu sagen hat und weiß, warum sie dies und nicht etwas Anderes sagen will. Peter Bieri hält die Neugier für den Beginn einer jeden Bildung, den Wunsch, verstehen zu wollen, nachzufragen, vielleicht etwas zu verbessern. Darin entstehen nicht nur Fähigkeiten und Kompetenzen, mit denen wir den Lauf der Dinge verändern oder beeinflussen können, sondern wir selbst entstehen als diejenigen, die wir in dieser Welt sein wollen. Sich bilden, das können wir nur selbst tun, es ist etwas Anderes als das, was wir tun, wenn wir uns ausbilden lassen, wenn wir etwas erklären oder auswendig lernen. Bildung, „das ist wie Aufwachen“, sagt Bieri in seinem Buch „Wie wollen wir leben?“ und das Besondere in dieser Form des Bildungsverständnisses ist, das wir uns zumindest hin und wieder auch selbst aufwecken können – wir brauchen nicht darauf warten, dass es ein System, eine Gesellschaft oder eine Institution für uns tut. Und solange wir wahrhaft neugierig bleiben, wird das, was wir sehen, wenn wir die Augen aufschlagen, eine Möglichkeit bieten, sich an den eigenen Fragen entlang weiter und fortzubilden – und Veränderung anzustoßen.

Geschrieben von: Dr. Ina Schmidt

«ZEIT DER KRISE: ZEIT ZUM HANDELN? – Ein virtueller Austausch»
04. Juni 2020 (Anmeldeschluss: 02. Juni, 20:00 Uhr)
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