Blog 05/20 – Sibylle Mäder

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2020

Nachdem wir in den vergangenen Jahren zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2020 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir insgesamt sechs namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen.

Freuen Sie sich auf Neues und Überraschendes von Michael Bursik, komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt, scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer , spannende Themen rund um die moderne Arbeitswelt von Sibylle Mäder sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

Zwei «Viren» – Gedanken und Gefühle in Zeiten der Unsicherheit

 

Seit Mitte März ist vieles anders hier in Europa und auf der Welt. Nur langsam kehren wir zur «neuen Normalität» zurück. Über den einen Virus, den Coronavirus, hören und lesen wir seit Wochen täglich. Viel Leid haben Menschen deshalb erfahren: Krankheit, Tod, Gewalt, Trennung, Isolation, Einsamkeit, finanzielle Nöte. Darüber will ich nur am Rande schreiben.

Mir geht es um den anderen Virus, den Virus der negativen Gedanken und Emotionen, allen voran die Angst. Sie feiert in Zeiten der Unsicherheit Hochkonjunktur. Zuerst ging es um die Angst vor Krankheit und Tod. Jetzt folgt die Angst vor einer Wirtschaftskrise, Jobverlust, finanziellen Nöten, Überwachung, Verlust der individuellen Freiheit sowie der Ungewissheit bezüglich der Folgen von COVID-19 oder sogar einer allfälligen zweiten Welle.

Ich will der Angst nicht ihre guten Seiten absprechen, denn sie ist eine wichtige Begleiterin unseres Lebens und hat der Menschheit ermöglicht, bis heute zu überleben. Sie mahnt uns zu Vorsicht und schützt uns vor Gefahren. Jedoch kann eine übersteigerte Angst unsere Lebensqualität und unsere Gesundheit erheblich negativ beeinflussen. Der amerikanische Schriftsteller, Mark Twain, hat einmal gesagt: «Ich habe in meinem Leben schon unzählige Katastrophen durchlebt – die wenigsten davon sind eingetreten.»

Was zählt, ist unsere Betrachtungsweise, unsere Gedanken und Emotionen, denn das Leben spielt sich primär in unserem Kopf, in unserer Subjektivität ab. Ob wir das berühmte Glas Wasser halb voll oder halb leer sehen, liegt an uns und unserer Gedankendisziplin. Natürlich gibt es Menschen, die von Natur aus unbeschwerter und glücklicher durchs Leben gehen als andere. Eine britische Forschungsstudie der Universität Essex von der Wissenschaftlerin Elaine Fox und ihren Kollegen zeigt auf, dass dies an dem 5-HTTLPR-Gen, dem sogenannten Glücksgen, liegen könnte. Diese Menschen verfügen über eine längere Variante des Gens und neigen dazu, primär das Gute im Leben zu sehen. Jene Menschen mit dem kürzeren Glücksgen neigen eher zu Angst, Schwermut oder sogar Depression.
Nichtsdestotrotz bestimmt unsere genetische Disposition nicht alleine darüber, wie wir unser Leben wahrnehmen. Wir haben Handlungsspielraum und sind nicht einfach Opfer unserer Gedanken und Gefühle. Wir sind weit mehr als das und sollten nicht alles glauben, was wir denken. Wie und was wir denken, wirkt sich erheblich auf unser psychisches und physisches Wohlbefinden aus. Es ist empfehlenswert, dies immer wieder in unser Bewusstsein zu rücken.

Damit ich mir und meinen eigenen – oft destruktiven - Gedanken auf die Schliche komme, muss ich mir zuerst bewusst werden, was in meinem Kopf vorgeht, auf welche Art ich denke. Das bedingt, dass ich zum Beobachter meiner eigenen Gedanken und Gefühle werde und dies wiederum erfordert Ruhe, Einkehr und Disziplin. Haben nicht gerade die letzten Wochen, in denen die Ablenkungsmöglichkeiten stark eingeschränkt waren, dazu Gelegenheit geboten? Nur mit der Selbstbeobachtung und -erkenntnis habe ich die Möglichkeit, ungesunde, lebensfeindliche Muster zu erkennen und ihnen korrigierend entgegenzuwirken.

In den letzten Wochen des Lockdowns habe ich unterschiedliche Reaktions- und Verhaltensweisen beobachtet. Es gab jene Menschen, die sich schwer damit getan haben, dass sie nicht tun konnten, was sie immer schon getan haben. Die all die Selbstverständlichkeiten, die plötzlich nicht mehr selbstverständlich waren, stark vermisst und die Abwesenheit derer beklagt haben. Dabei hat der übermässige Konsum von mehrheitlich negativen Corona-News auch nicht viel zu einer positiveren Stimmung beigetragen.
Dann gab es die anderen Menschen, die neugierig waren und Freude daran gefunden haben, sich, ihre Familie, ihre Partner neu zu erfahren, öfters als sonst Dialoge zu führen, Freundschaften neu zu entdecken, kreativer zu sein, Neues zu lernen, viel in der Natur zu verweilen, sich öfters zu bewegen, vermehrt selber zu kochen und sich gesünder zu ernähren, wieder einmal zu einem weiterführenden Buch zu greifen und einfach den Alltag einmal anders zu erleben als üblich. Für diese Leute war diese unvergleichbare Situation ein Abenteuer im besten Sinne.

Jeder von uns verfügt über eine innere Freiheit – oder wie Viktor Frankl es nannte – die «Trotzmacht des Geistes». So wie wir denken, hat mit Eigenverantwortung zu tun. An diesem inneren Ort entscheidet sich primär, wie wir unser Leben - das vergangene, das heutige oder das zukünftige - erleben. Geben wir den beiden Viren doch einfach keine Chance und erfreuen uns an unserem Gestaltungsraum!

Über die Authorin: Sibylle Mäder

«St. Galler Family (Business) Governance Seminar für Service Provider»
26. – 27. Oktober 2020
Mehr Details und Anmeldung hier