Blog 06/20 – Ulrich Schnabel

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2020

Nachdem wir in den vergangenen Jahren zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2020 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir insgesamt sechs namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen.

Freuen Sie sich auf Neues und Überraschendes von Michael Bursik, komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt, scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer , spannende Themen rund um die moderne Arbeitswelt von Sibylle Mäder sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

Richtung Terra incognita - Warum wir lernen müssen, mit der Unsicherheit zu leben

Kaum etwas ersehnen wir derzeit mehr als das Ende der Corona-Einschränkungen und die Rückkehr in die «gute alte» Normalität. Doch wenn man über die Zukunft eines sagen kann, dann dies: Das «neue Normal» wird definitiv anders als das bisherige; wer darauf hofft, sein gewohntes Leben wieder zurück zu bekommen, hofft vergeblich. Selten wurde uns die Erkenntnis des antiken Philosoph Heraklit – «Man steigt nicht zweimal in denselben Fluss», so radikal nahe gebracht wie durch das Corona-Virus.

Noch ist die künftige Entwicklung nur schemenhaft abschätzbar. Doch selbst wenn die Konkjunktur wieder anspringt, Flugzeuge wieder fliegen und der Motor der Globalisierung in Fahrt kommt, wird die Welt eine andere sein. Erstens werden uns die wirtschaftlichen und politischen Verwerfungen der Corona-Krise noch lange beschäftigen; zweitens werden wir uns an ein tiefes Gefühl der Verunsicherung gewöhnen müssen; denn die Pandemie hat uns drastisch vor Augen geführt, wie fragil unsere vermeintlich gesicherte Ordnung ist, wie schnell gewohnte Selbstverständlichkeiten ins Wanken geraten. Wir haben gelernt, dass quasi über Nacht Grenzen geschlossen und Bürgerrechte ausgesetzt werden können, dass ganze Wirtschaftszweige herunter gefahren und all unsere Pläne und Perspektiven von heute auf morgen Makulatur werden können. Damit ist auch die gern gehegte Vorstellung passé, es könne mit Wirtschaftswachstum und steigendem Wohlstand immer so weiter gehen; die Corona-Krise ist eben kein vorübergehender Störfall, der nur eine Delle in der bisherigen Entwicklungskurve hinterließe, sondern eine grundlegende Zäsur: sie zeigt, dass unerwartete Ereignisse – «schwarze Schwäne», wie sie der Statistik-Philosoph Nassim Nicholas Taleb nannte – häufiger auftreten als erwartet; und dass sie die Weltgeschichte nachhaltig beeinflussen, so wie es beispielsweise auch 9/11 in New York geschah, an Weihnachten 2004 durch den Tsunami im Indischen Ozean, 2008 durch die globale Finanzkrise oder im März 2011 durch die Nuklearkatastrophe in Fukushima – lauter Schockereignisse, die Krisenstäbe und Rettungsmannschaften mit Fragen konfrontierten, die sich diese vorher nie gestellt hatten. Leider lassen sich aus jeder dieser Katastrophe stets nur bedingt Lehren ziehen, denn unwahrscheinliche Einzelereignisse wie 9/11 oder Fukushima werden sich eben genau so nicht wiederholen; dafür passieren dann andere, unerwartete Dinge, wie uns die Risikoforschung lehrt. «Es gibt vermutlich eine Million extrem seltener Ereignisse mit einer Wahrscheinlichkeit von eins zu einer Million», sagt der Risikoforscher Ortwin Renn ; «das heißt, dass jedes Jahr mindestens eines davon eintritt.» Wir wissen nur nicht, welches.

Wir wissen lediglich, dass wir uns darauf einstellen müssen, ständig von Neuem überrascht zu werden; denn gerade durch die Corona-Krise – und das ist ihre dritte Folge – steigt weltweit die Anfälligkeit für künftige Krisen. Schon heute setzt die Pandemie unsere Ökonomie und politischen Institutionen enorm unter Druck. Setzt man das in Zusammenhang mit all den anderen globalen Herausforderungen – Trumps «America first», Chinas wachsendem Druck, dem Trend zu Populismus und Fake-News, Klimawandel und Umweltprobleme etc. – ist leicht absehbar, dass wir auf eine Periode der Instabilität und Krisenhaftigkeit zusteuern, die uns künftig immer wieder mit gänzlich neuen, unerwarteten Situationen konfrontieren wird.

Angesichts dieser Aussicht ist vor allem geistige Beweglichkeit gefordert. Statt auf dauerhafte Sicherheit zu hoffen, heißt es, sich auf den unaufhaltsamen Wandel einzustellen. Gefragt ist nicht die langfristige Aufstellung detaillierter Notfallpläne (denn das Unvorhergesehene lässt sich nun einmal schlecht planen), sondern eher die Fähigkeit, unsichere Situationen auszuhalten und die Flexibilität, kurzfristig ganz neue Prioritäten setzen zu können.

Man müsse «die Ungewissheit umarmen», empfiehlt die Soziologin Helga Nowotny , die im Laufe ihres Berufslebens an zehn verschiedenen Universitäten weltweit lehrte und Präsidentin des Europäischen Forschungsrates ERC war. «Statt an alten Regeln festzuhalten, geht es um eine Offenheit für neue Situationen und nichtlineare Entwicklungen», sagt die mittlerweile emeritierte Professorin der ETH Zürich. Diese aber falle gerade den Bürgern der westlichen Gesellschaften schwer. Denn «wir schleppen zu viel Gepäck aus der Vergangenheit mit uns herum, als Dinge noch auf eine andere Weise funktionierten», sagt Nowotny, «und unsere Institutionen wurden für die Probleme einer anderen Zeit geschaffen.»

Nun, da sich viele als sicher geglaubte Annahmen als brüchig erweisen, müssen wir sowohl als Einzelne wie auch als Gesellschaft üben, die bisherigen Regeln auch einmal zu ignorieren, vermeintliche Sachzwänge beiseite zu schieben und etwas Neues zu wagen – ohne genau zu wissen, was kommt. Am besten pflegen wir dazu jene Geisteshaltung, die der portugiesische Seefahrer Ferdinand Magellan 1519 demonstrierte, ale er zur ersten Weltumsegelung aufbrach: «Es geht nicht mehr darum, sich zu versichern, dass das Meer ruhig bleibt, sondern sich darauf einzustellen, in stürmische, unbekannte Gewässer zu segeln.»

Derzeit sind wir alle unterwegs in Richtung Terra incognita.

Über den Author: Ulrich Schnabel

 

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