Blog 07/2020 – Michael Bursik

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2020

Nachdem wir in den vergangenen Jahren zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2020 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir insgesamt sechs namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen.

Freuen Sie sich auf Neues und Überraschendes von Michael Bursik, komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt, scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer , spannende Themen rund um die moderne Arbeitswelt von Sibylle Mäder sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

Die Mathematik des Vertrauen

Corona – wie schnell sich doch die Bedeutung eines Wortes ändern kann. Bis Anfang 2020 verband man damit ein exotisches mexikanisches Bier, heute steht der Name für eine weltweite Pandemie. Mit Covid-19 betrat ein Virus die Bühne der Welt, dass unser gesellschaftliches Leben auf den Kopf stellte und dessen wirtschaftliche Auswirkung noch nicht voll abzuschätzen ist. Doch obwohl die zukünftigen Entwicklungen ungewiss sind, so ist es ein geeigneter Zeitpunkt, um einen Blick auf die vergangenen Monate zu werfen und daraus die richtigen Schlüsse zu ziehen. Nur so können wir sicherstellen, dass die Zukunft ein besserer Ort als die Gegenwart wird.

Will man im Deutschen ein unwichtiges Ereignis kommentieren, so verwendet man gerne das Sprichwort: „In China ist ein Sack Reis umgefallen“. Die Herkunft dieses Ausdrucks ist unklar, aber die Zukunft der Redewendung lässt sich angesichts der Entwicklungen in den letzten Wochen und Monate erahnen: Es wird wohl aus unserem Sprachgebrauch verschwinden.

Noch nie wurde so augenscheinlich, wie vernetzt und interdependent unsere Welt geworden ist. Innerhalb kürzester Zeit entwickelte sich ein begrenztes lokales Ereignis zur weltweiten Pandemie. Wirtschaft und Gesellschaft wären besser vorbereitet gewesen, wenn es sich um ein Computervirus gehandelt hätte. Doch um mit dieser biologischen Bedrohung umzugehen, benötigen wir eine menschliche Tugend, dessen Kosten gemeinhin höher geschätzt werden, als der Nutzen: Vertrauen.

Der gesunde Menschenverstand ist die beste Waffe gegen das Virus… Ich glaube wir sind alle verloren!

In meiner Heimatregion rückte das Virus erst in den Fokus, als klar wurde, dass beliebte Winterurlaubsregionen davon betroffen waren. Unklar war, wie gefährlich die Situation noch werden würde – und so gestalteten sich die behördlichen Maßnahmen zur Eindämmung einer Verbreitung etwas lasch. Rückkehrern aus betroffenen Regionen wurde empfohlen, sich freiwillig in Quarantäne zu begeben. Kaum jemand hielt sich an diese Empfehlung. Warum sollte man sich auch geißeln, wenn man selbst von dem Virus nichts Schlimmeres zu befürchten hatte?

Erst als das Virus in Norditalien grassierte und erschreckende Bilder von überfüllten Krankenhäusern zu uns drangen, entschlossen sich die Behörden zu strengeren Maßnahmen. Doch warum brauchte es überhaupt behördliche Anweisungen? Wieso konnte man sich nicht auf den gesunden Menschenverstand und die freiwillige Selbsteinschränkung verlassen? Dazu ein Gedankenexperiment, dass in der Spieltheorie als Gefangenendilemma bekannt ist.

Das Gefangenendilemma als Gedankenexperiment

Stellen Sie sich vor, dass Sie gemeinsam mit einer guten Freundin verdächtigt werden, eine Straftat begangen zu haben. Auf der Polizeistation offenbart sich für Sie folgendes Bild: Gestehen Sie beide die Tat, so erwarten Sie beide jeweils vier Jahre Haft. Schweigen Sie beide zum Sachverhalt, so wird man Sie aufgrund der bloßen Verdächtigungen zu zwei Jahren Haft verurteilen.

Nun wird die Situation interessant, denn Sie beide erhalten einen Joker: Denunzieren Sie Ihre Komplizin durch ein Geständnis, so haben Sie die Chance mit nur einem Jahr Haft aus der Sache zu kommen. Aber nur, wenn ihre Freundin Sie nicht anschwärzt. Ansonsten gelten vier Jahre Haft. Sollten Sie jedoch schweigen, werden aber verraten, so erhalten Sie eine Haftstrafe von sechs Jahren. Sie haben keine Chance sich mit Ihrer Freundin abzusprechen. Wofür würden Sie sich entscheiden? Sehr wahrscheinlich hängt ihre Entscheidung vom Vertrauen ab, dass Sie in Ihre Freundin haben.

Individuell betrachtet ist in dieser Situation das Geständnis die beste Strategie. Das Risiko reduziert sich auf maximal vier Jahre Haft und enthält die Chance mit nur einem Jahr belangt zu werden. Schweigen ist die riskante Option, denn obwohl die Aussicht auf zwei Jahre Haft gegenüber vier Jahren attraktiv erscheint, beinhaltet diese Handlungsalternative das Risiko selbst mit sechs Jahren Haft belangt zu werden. Und man verspielt die Chance mit nur einem Jahr davonzukommen.

Vertrauen ist das Schmiermittel von Kooperation

Dem Mathematiker John Nash, dessen Leben im sehenswerten Film „A Beautiful Mind“ porträtiert wurde, ist ein Lösungskonzept zu verdanken, dass als Nash-Gleichgewicht bekannt wurde. Es kann auch für das Gefangenendilemma angewendet werden. Ich möchte Ihnen die Mathematik ersparen, denn die Lösung offenbart sich bereits, wenn man das Spiel in Gedanken wiederholt. Stellen Sie sich vor, dass die Haftstrafe nicht nach einer einzigen Runde, sondern aus dem Mittelwert von mehreren Runden berechnet wird. Hätte diese Perspektive einen Einfluss auf Ihre Entscheidung in der ersten Runde?

Spielen wir es durch: Verraten Sie ihre Komplizin in der ersten Runde, um ihr Haftmaß zu reduzieren, dann senden Sie damit eine Botschaft. Die folgenden Runden werden wahrscheinlich unkooperativer. Schweigen Sie in der ersten Runde, dann gehen Sie das Risiko ein, gleich sechs Jahre Haft einzukassieren. Über mehrere Runden gespielt wird in dem Spiel offensichtlich, dass die zweijährige Haftstrafe eine attraktive, aber gefährliche Option ist. Das Risiko kann nur durch Vertrauen aufgelöst werden. Bricht eine Person aus dem Vertrauensverhältnis aus, so wird es zu gegenseitigen Sanktionen kommen.

Spannend wird es, wenn man nicht auf das individuelle Einzelergebnis, sondern auf das Gesamtergebnis blickt. Kooperieren beide Spieler über zehn Runden, so entstehen insgesamt 40 Jahre Haft. Verraten sie sich permanent, so kommen wir auf 80 Jahre Haft. Und bei wechselseitiger Beschuldigung kommt man auf insgesamt 66 Jahre Haft. Möchte man also langfristig ein Gesamtoptimum erreichen, dann braucht es Vertrauen und Mut zur Kooperation.

Vertrauen ist keine Einbahnstraße

Wenn wir also ein „neues Normal“ nach Corona definieren, sei es auf gesellschaftlicher Ebene oder in Wirtschaftsbetrieben, sollten wir Vertrauen zu einer Tugend machen. Kurzfristige Rendite lässt sich damit zwar selten erreichen, denn diese geht meist auf Kosten von anderen Systemteilnehmern, aber dafür erhalten wir Nachhaltigkeit. Vertrauen muss jedoch nicht blind sein, sondern sollte vielmehr als bewusst gewählte Strategie angewendet werden.

Spieltheoretisch ist die erfolgversprechendste Strategie im Gefangenendilemma das sogenannte „tit-for-tat“: Man kooperiert so lange, bis das Gegenüber abweicht, erst dann setzt man auf den individuellen Vorteil. Wenn wir diesen Grundsatz in unseren „gesunden Menschenverstand“ integrieren können, dann sind wir auch für jede weitere Krise gewappnet.

Geschrieben von: Michael Bursik

«Inspiration und Souveränität – Basis für den persönlichen Erfolg»
16. – 21. Mai 2021
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