Blog 08/20 – Ina Schmidt

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2020

Nachdem wir in den vergangenen Jahren zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2020 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir insgesamt sechs namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen.

Freuen Sie sich auf Neues und Überraschendes von Michael Bursik, komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt, scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer , spannende Themen rund um die moderne Arbeitswelt von Sibylle Mäder sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

 

Die neue Normalität. Aber: Was ist eigentlich normal?

Es sind bewegte Zeiten, in denen wir leben. Vieles, was scheinbar selbstverständlich war, ist ins Wanken geraten, will überprüft und neu ausgerichtet werden. So ist die Krise wie so oft ein ambivalenter Zustand, der manches zerstört und anderes möglich macht – in jedem Fall aber für Unsicherheit sorgt, die uns zwingt, ins Offene hinein zu leben. Diese Herausforderung ist nun keineswegs neu oder einzigartig, der Mensch ist ein suchendes Wesen, ein kreativer Gestalter von sich beständig wandelnden Lebensumständen, von Katastrophen und Krisen ebenso wie von friedlichen Zeiten. Aber auch wenn der Mensch ein „suchendes“ Wesen ist, das sich selbst immer wieder zum Thema macht, sich durch die eigenen Erfahrungen verändert, so brauchen wir einen Rahmen, in dem wir das Gefühl von Sicherheit und Stabilität entwickeln können, nicht, um das möglicherweise notwendige Neue in Bezug zu dem setzen zu können, was wir kennen oder zurückerobern wollen. Erst und nur dann ergibt sich das, was wir «Entwicklung», «Reifung» oder auch qualitatives Wachstum nennen, erst dann können wir den angemessenen Rhythmus herausarbeiten, mit dem wir in der Lage sind, der Hektik und dem aktionistischen Wunsch nach Lösungen und schnellen Antworten etwas entgegenzusetzen, auch wenn es bedeutet, mal einen Schritt langsamer zu gehen. Auf diesem Weg kann es gelingen, nicht das Alte zurückzugewinnen, sondern das zu entwerfen, was wir auf einem neuen Weg als eine neue Normalität erst noch kreieren müssen.

Normalität ist das, was wir aus gutem Grund erwarten dürfen.

Ein gutes Leben braucht eine Form der Normalität, die nicht beständig zur Disposition steht, die wir «aus gutem Grund erwarten dürfen». Keine hochfliegenden Ideale, keine perfektionistischen Illusionen oder Utopien, sondern ein Grundgerüst, das uns einen Rahmen bietet, um ins Handeln, ins Erfinden, ins Tun kommen zu können: das ist es, was wir vorfinden wollen, um das zu erreichen, was noch nicht ist. Diese Form der Normalität sorgt für etwas sehr Grundlegendes: Sie reduziert Komplexität und ermöglicht den Umgang mit Lebendigkeit. Das beginnt bei einfachen sozialen Umgangsformen: Auf diese Weise wissen wir, was wir zu erwarten haben, wenn wir auf eine Dinnerparty eingeladen sind, oder wie wir uns in einem Vorstellungsgespräch verhalten, wir wissen, dass wir uns in der Kinoschlange nicht vordrängeln und unsere Freunde nicht belügen sollten. Aber woran erkennen wir das, was «normal» ist, wenn Normalität nicht mehr wie gewohnt anzutreffen ist? Wenn gerade diese Grundlagen erschüttert werden oder außer Kraft gesetzt sind? Dann wird das Normale zur Ausnahme, zur Besonderheit. Es gibt Zeiten, in denen sich die Kostbarkeit des Normalen in aller Deutlichkeit zeigt, als das, was wir schmerzlich vermissen, nach dem wir uns sehnen, weil es dann doch alles andere als der selbstverständliche Rahmen war, von dem wir ausgehen durften.

Normalität braucht äußere wie innere Normen

Die Coronakrise der letzten Monate zeigt uns, dass wir nicht nur in der Lage sind, Innovation, Disruption und Agilität zu denken, um neue Zukünfte zu schaffen, sondern auch, um in Zeiten der Erschütterung den Boden der Tatsachen zu suchen, neue Eckdaten und Bedingungen zu finden, die als Ausgangspunkt für Entwicklung und Reifung notwendige Voraussetzungen bieten müssen. Das, was daraus entstehen kann, ist «neu» und doch auf der Suche nach dem, was wir kennen – eine Synthese aus Gewohnheiten, in denen wir uns einrichten und gleichzeitig auf neue Gegebenheiten ausrichten können. Diese Kunst eines «new normal» ist auch, aber nicht nur, auf klare Regeln und ordnungspolitische Maßnahmen angewiesen, aber auch auf eine innere Haltung jedes einzelnen. Eine Haltung, mit der wir bereit sind, das «rechte Maß» zu suchen, uns auf Beschränkungen einzulassen, um diese gleichzeitig wachsam zu überprüfen, um einen Schritt ins Ungewisse zu wagen, um herauszufinden, ob der Untergrund trägt und sich so – in einem «kontingenten» Prozess auf das einzulassen, was ist.

Das mag alles andere als «normal» erscheinen, aber es ist eine Möglichkeit, mit Lebendigkeit und Veränderung umzugehen, die nicht nur in Krisenzeiten und Ausnahmezuständen helfen kann, wieder auf festem Boden zu stehen, sondern darin auch neue Wege einzuschlagen, die nicht darauf angewiesen sind, am Anfang bereits ihr Ziel zu kennen. Im besten Fall kann daraus eine Grundhaltung werden, die in der Zukunft nach der Krise viel normaler sein wird, als wir es uns heute noch vorstellen können.

Geschrieben von: Dr. Ina Schmidt

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