Blog 12/20 – Ulrich Schnabel

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2020

Nachdem wir in den vergangenen Jahren zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2020 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir insgesamt sechs namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen.

Freuen Sie sich auf Neues und Überraschendes von Michael Bursik, komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt, scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer , spannende Themen rund um die moderne Arbeitswelt von Sibylle Mäder sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

Zünden Sie ein Licht an! - Wie man der psychologischen Schwerkraft widersteht

Wir leben gerade in einer dunklen Zeit - sowohl im realen wie übertragenen Sinne. Zum einen sind die Tage kurz, es gibt wenig Sonne und viel Dunkelheit; und zum anderen verdüstert die Corona-Pandemie den Ereignishorizont und bremst uns auf vielen Ebenen aus. Wie hält man da die Stimmung aufrecht? Was kann man tun, damit die äußere Verdunkelung nicht auch die Psyche verdunkelt?

Wer Experten fürs seelische Wohlbefinden fragt, erhält allerlei Tipps: Dass man jeden Sonnenstrahl genießen sollte, weil Licht auch der Psyche gut tut; dass sozialer Austausch und Zusammenhalt wichtig sind, gerade in solchen Zeiten (zur Not per Skype oder Zoom); dass es hilft, sich gut zu ernähren, Sport zu treiben und – falls man im Home-Office sitzt – dem Tag eine Struktur zu geben, die klare Arbeitszeiten ebenso vorsieht wie Erholungsphasen (damit das Gehirn nicht im Dauer-Anspannungs-Modus hängen bleibt).

Der vielleicht wichtigste Tipp ist jedoch der scheinbar unspektakulärste: Machen Sie einen ersten Schritt - so klein er auch immer sein mag. Denn der erste Schritt ist oft der schwerste. Angesichts widriger äußerer Umstände kann man sich wie gelähmt fühlen, niedergedrückt von dem tonnenschweren Gefühl der Vergeblichkeit. Was soll man gegen Corona schon machen? Geht nicht gerade alles den Bach runter? Sieht die Zukunft nicht ohnehin hoffnungslos aus? Es ist, als wirke in solchen Fällen eine psychologische Schwerkraft, die unsere Stimmung naturgemäß nach unten zieht und uns abends erschöpft aufs Sofa sinken lässt, wo wir uns dann selbst leid tun.

Dem zu widerstehen, ist nicht leicht. Wer sich als Opfer äußerer Umstände sieht, kommt aus dieser passiven Haltung oft schwer heraus. Deshalb ist der erste Schritt so wichtig. Die Kunst besteht darin, auch dann einen Schritt zu machen, wenn man noch nicht genau weiß, wohin die Reise geht, wenn noch keine Lösung in Sicht ist. Denn gerade in unsicheren Situationen existieren in der Regel keine Patentlösungen – das ist ja gerade das Kennzeichen der Unsicherheit. Statt daher (vergeblich) nach einem Masterplan Ausschau zu halten, ist es sinnvoller, zunächst das lähmende Gefühl der Ohnmacht abzuschütteln und sich in kleinen Tätigkeiten wieder als selbstständig handelnd und wirksam zu erleben.

Tatsächlich weiß die Forschung: Jede Erfahrung von Selbstwirksamkeit löst positive Empfindungen aus und schwächt damit negative Gefühle wie Angst, Sorge oder Verzweiflung. Zugleich stärkt die Selbstwirksamkeit das Gefühl für die eigene Würde und die innere Freiheit: man erlebt sich nicht mehr als Opfer einer Situation, sondern als Gestalter. Und das ist ein enormer Unterschied.

Ich wollte nicht Büttel meiner Symptome sein. Es geht um Deutungshoheit. Erzählt die Krankheit mich, oder erzähle ich die Krankheit.

Ein plastisches Beispiel lieferte der Schauspieler Joachim Meyerhoff, der vor einiger Zeit einen Schlaganfall erlitt. Zunächst war das für ihn ein Schock. Doch als er ins Hospital gefahren wurde, begann er, um seine Würde und Selbstwirksamkeit zu kämpfen: Schon im Krankenwagen sagte er sich ellenlange Passagen aus Goethes Faust vor:  «Schwindet, ihr dunklen / Wölbungen droben! Reizender schaue / freundlich der blaue / Äther herein! ...». Das sei wie eine Aufforderung an das eigene Hirn gewesen, nicht wegzukippen, erzählt Meyerhoff, «als würde man es am Kragen schütteln». Später im Krankenhaus habe er sogar nachts auf dem Gang der Intensivstation Ballett getanzt, um sich über den Schlaganfall lustig zu machen. «Ich wollte nicht der Büttel meiner Symptome sein», sagt Meyerhoff. «Es geht um Deutungshoheit. Erzählt die Krankheit mich, oder erzähle ich die Krankheit.»

Damit hat er eine zentrale Erkenntnis formuliert: Erzählt die Krise mich oder erzähle ich die Krise? Wer hat die Deutungshoheit und die geistige Kontrolle? In schwierigen Sitautionen ist dieser innere Perspektivwechsel entscheidend. Statt nur auf die Krise zu starren wie das Kaninchen auf die Schlange, geht es darum, sich die innere Freiheit zurück zu erobern und die Situation im konstruktiven Sinne zu gestalten.

«Positive appraisal style», nennen das Psychologen: die Fähigkeit, eine Situation neu zu bewerten und ihr etwas Gutes abzugewinnen. Und neueste Studien zeigen: Wer das schafft, ist auch während der Corona-Beschränkungen psychisch weniger belastet. Das heißt: Wer nicht nur über die Einschränkungen jammert, sondern ihnen etwas Positives entgegen setzt – mehr Zeit fürs Kochen oder Backen, für Sport, die Familie oder Hobbys – kann die psychologische Schwerkraft regelrecht umkehren. Wenn nichts anderes geht, kann man zumindest die eigenen Erfahrungen in Worte zu fassen und das Erlebte aufschreiben. Tatsächlich zeigt die Forschung: auch Schreiben hilft. Erzählt die Krise mich oder erzähle ich die Krise?

Die Wichtigkeit der Selbstwirksamkeit hat übrigens schon der chinesische Philosoph Konfuzius erkannt und in den klugen Satz gegossen: «Statt die Dunkelheit zu verfluchen, ist es besser, ein kleines Licht anzuzünden.» Und oft beginnt der Ausweg aus einer Krise mit der schlichten Frage: Welches kleine Licht könnte ich jetzt entzünden?

Über den Author: Ulrich Schnabel

 

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