Blog 01/2021 – Ina Schmidt

Veröffentlicht am in Allgemein

Über unseren Blog 2020

Nachdem wir in den vergangenen Jahren zahlreiche positive Rückmeldungen zu unseren Blogbeiträgen erhalten haben, möchten wir diese noch junge Tradition des Liechtenstein Academy Blogs gerne auch in diesem Jahr fortführen.

Auch 2020 ist es uns wichtig in unserem Blog unterschiedliche Perspektiven zu berücksichtigen, um Ihnen als Leser ein möglichst anregendes Angebot zu bieten. Hierfür haben wir insgesamt sechs namhafte Gastautoren und Gastautorinnen gewinnen können, die ohne redaktionelle Filter jeweils Ihre persönlichen Überlegungen einfliessen lassen.

Freuen Sie sich auf Neues und Überraschendes von Michael Bursik, komplexe Zusammenhänge, einfach erklärt von Ulrich Schnabel, philosophische Einblicke von Dr. Ina Schmidt, scharfsinniges von unserem Sprach- und Rechtsexperten Carlos A. Gebauer , spannende Themen rund um die moderne Arbeitswelt von Sibylle Mäder sowie konstruktive Überlegungen unseres Gesundheitsexperten Christoph von Oldershausen.

Wir wünschen Ihnen eine anregende Lektüre.

Ihr Team der Liechtenstein Academy

Sich selbst zum Anfang werden.

«Und jedem Anfang wohnt ein Zauber inne,
der uns beschützt und der uns hilft zu leben.»

H. Hesse

Wie gelingt ein Neuanfang? Und was macht ihn notwendig? Warum fangen wir überhaupt Neues an und was davon ist wirklich sinnvoll? Zum Jahresbeginn machen wir oft genug grosse Pläne und fassen gute Vorsätze, nach ein paar Wochen ändern sich die Dinge, dies oder jenes bleibt auf der Strecke, die Ambitionen lassen nach – na, ja, vielleicht war es dann doch nicht so wichtig. Später vielleicht. Nächstes Jahr. Schliesslich liegt es bei uns, wie wir mit unseren Vorsätzen umgehen, oder etwa nicht? In diesem Jahr ist vieles anders. Vieles liegt nicht allein an uns oder dem, was wir für machbar halten. Wir haben in den letzten Monaten erlebt, dass viele gute Vorsätze, Pläne und Ziele trotz Einsatz, Kraft und Engagement nicht erreicht werden oder umgesetzt werden konnten, wie Existenzen bedroht wurden und Unternehmen schliessen mussten. Mitten in einer Zeit, in der Machbarkeit, Leistung, Wissen und Kompetenzen zählen, werden wir sowohl als Weltgemeinschaft wie auch als einzelner eines Besseren belehrt. Gewohntes und vermeintlich Selbstverständliches verändert und verwandelt sich oder verschwindet ganz, ohne dass wir damit rechnen konnten. Auf der grossen Bühne der politischen Entscheidungen ebenso wie in den kleinen und persönlichen Fragen. Unsicherheit ist das Gefühl der Zeit, irgendetwas geht da zu Ende, ohne dass klar wäre, was dann kommt. Ein neuer Anfang? Ja, aber wie? Was sollen wir anfangen, wie und womit?

Der Mensch als ewiger Anfänger

Die Philosophin Hannah Arendt hat dem Menschen die Fähigkeit des «Anfangens» zugesprochen, wie keinem anderen Wesen auf der Welt. Als eigenwillige Mischung aus Natur- und Kulturwesen seien wir zwar an Bedingungen gebunden, die die Natur uns vorgibt, und die wir uns nicht immer aussuchen können, aber egal unter welchen Bedingungen streben wir danach, etwas zu verändern, zu verbessern, zu entdecken oder zu erklären. Darin schaffen wir immer und immer wieder Neues, richten uns ein und passen uns an. Im Sinne Hannah Arendts sind wir darin nicht nur Wesen, die sich zu dem, was ist, verhalten oder darauf reagieren, sondern wir sind «Handelnde», die in jeder Handlung einen Neubeginn ermöglichen, bewusst mit dem umgehen was ist und es auf etwas beziehen, was kommt oder kommen könnte. Zumindest sind wir dazu in der Lage, so Arendt, auch wenn wir diese Fähigkeit und Begabung gegen andere menschliche Bestrebungen des Konservierens, Festhaltens oder des gedankenlosen Herstellens und Konsumierens verteidigen müssen. Wie ein Leitmotiv zieht sich der Satz des Kirchenvaters Augustinus durch das Werk der politischen Denkerin: «Damit ein Anfang sei, wurde der Mensch geschaffen». Dieser Anfang sei immer und überall da und bereit. Diese Kontinuität könne nicht unterbrochen werden, denn sie sei garantiert durch die Geburt eines jeden Menschen, die jeden von uns zu einem Neuanfang erkläre.

Ein Anfang gelingt nicht allein

Wollen wir also zu Handelnden werden, dann müssen wir im eigentlichen Sinne immer wieder zu Anfängern werden, die darauf angewiesen bleiben, genau hinzusehen, Veränderung mitzudenken und daraus etwas entstehen zu lassen, was vorher noch nicht war. Sich auf das zu besinnen, was ist und es voll des aristotelischen Wohlwollens auf das zu beziehen, was wir gemeinsam daraus entstehen lassen wollen ist weit mehr als naives Vertrauen auf einen Neuanfang, der schon alles richten wird. Es ist die Voraussetzung dafür, dass wir nicht in dem verbleiben, was uns den Blick nach vorn verstellt, was uns zeigt, dass jeder von uns in seinen Grenzen auf den anderen angewiesen ist und sich durch das Unbekannte, vielleicht Fremde oder eben Neue bereichern lassen kann. Anfangen bedeutet immer auch die Bereitschaft zur Kooperation. Das vergangene Jahr hat uns gezeigt, dass Veränderung und Wandel nicht immer leicht auszuhalten und schon gar nicht einfach und durch klare Antworten zu bewältigen ist. Jeder Anfang ist der Beginn eines Prozesses, in dem wir eine Rolle spielen, ohne das Ende der Geschichte kennen zu können. Aber eben darin entscheidet sich ob wir wirklich im Sinne Hannah Arendts zu «Handelnden» werden können – Menschen, die im Sinne einer Weltgemeinschaft das solidarische und humanistische Miteinander an die erste Stelle stellen, und uns in Zeiten des Übergangs und der Zwischenräume auch in Unsicherheiten bewegen lernen, die nicht das zu Vermeidende sein dürfen, sondern das, was das Potential für einen neuen Anfang ausmacht.

Fangen wir also damit an, im Sinne des dänischen Philosophen Sören Kierkegaard uns selbst ein Anfang zu sein und lassen den Zauber, den schon Hermann Hesse in jedem Anfang zu erkennen glaubte, wirken – wer weiss, was daraus entsteht. Gerade jetzt und heute.

Geschrieben von: Dr. Ina Schmidt